Warum die Rheinländer glücklicher sind – und was das mit Neid zu tun hat.

Eine meiner besten Freundinnen ist Kölnerin und fast immer fröhlich, herzlich und positiv. Und zwar derart fröhlich, dass ich – die damals noch mit ziemlich viel antrainierten negativen Überzeugungen und einem entsprechend miesepetrigen Naturell durch das Leben ging – sie nicht leiden konnte, als wir uns vor 15 Jahren in einer großen Agentur kennen lernten.

Noch vor dem ersten Kaffee platzte sie schon mit einem lauten Lachen, Hallo und berstender Lebensfreude durch die Tür, während ich noch komatös in die Teeküche schlurfte, um mithilfe von Kaffee in Betriebszustand zu kommen und vor der Lärmbelästigung am frühen Morgen zu flüchten.

Sie war auch die einzige unter 130 Leuten, die die Bedienungsanleitung der neuen Telefonanlage las, um sie dann so zu programmieren, dass diese mich 3x am Tag mit automatischen freundlichen Botschaften anrief. Die hatte sie aufgezeichnet bevor sie für 3 Wochen in den Urlaub fuhr.

Mittags bekam ich z. B. folgende: „Liebes Jeanettchen, hör` sofort auf zu arbeiten und mach` mal Pause.“ Das waren die, die mich fröhlich stimmten. Die am Abend um 23 Uhr: „Bist Du immer noch da? Geh sofort nach Hause schlafen“, weniger, weil ich damals sehr oft Gelegenheit hatte sie auch zu hören.

Auch hatte sie den lustigen Einfall, einen Screenshot vom Computerbildschirm zu machen und als Hintergrund zu hinterlegen, damit man 5 Minuten panischwild darauf rumklickte. Oder zwei Kollegen anzurufen und dann die Telefonhörer aneinander zu halten –  wahlweise auch  den unteren Teil der schwarzen Telefone mit schwarzen Aufklebern zuzukleben – waren ihre Idee. ich war neidisch.

Das kleine, grüne Monster

Gib es zu, du kennst es auch, das kleine grüne Monster, das einem manchmal auf der Schulter sitzt, wenn die beste Freundin plötzlich glücklich in einer Beziehung ist, der Kollege mehr Geld bekommt, Die Schwester den Mut hat sich selbständig zu machen, der Nachbar schon wieder in den Urlaub fährt.

Ich war so gut wie nie neidisch auf den Besitz oder das Geld anderer Menschen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass das einem nicht unbedingt nützt und man trotzdem unglücklich sein kann.

Nein, ich war neidisch auf Menschen, die besonders selbstsicher, humorvoll oder warmherzig waren. Wie meine Freundin. Auf Persönlichkeitszüge, von denen ich fand, dass sie das Leben und den Umgang mit Menschen leichter machen und die ich damals noch nicht auslebte. Denn es war nicht so, dass ich sie nicht besaß. Ich wusste es nicht oder traute mich nicht sie auszuleben. Ich stand mir dabei selbst im Weg. Heute weiß ich, dass der Neid ein guter Hinweis darauf war, mal nachzuspüren, was hinter dem Neid steckt.

Unsere übliche Gedankenfalle ist: „ Neid ist etwas schlechtes.“

 

Neidattacken zeigen uns immer einen Mangel an Selbstbestimmtheit an uns selbst. @jeanbouffier click to tweet

 

Man sollte den Neid als Wegweiser für die eigenen Wünsche begreifen. Das fällt nicht unbedingt leicht denn meist wissen Menschen, die sich lange nach den Vorstellungen anderer gerichtet haben, gar nicht genau, was sie wollen. Es hilft, genau zu gucken, worauf wir wirklich neidisch sind. Wer die Freundin beneidet, die sich im Job eine Auszeit nimmt um in Indien einen Yoga-Lehrer-Kurs zu belegen, will nicht selbst Yoga unterrichten, sollte sich aber ebenfalls mehr Zeit für sich selbst gönnen. Das kann etwas total anderes sein. Neid weist uns oft auf Dinge hin, die sich andere erlauben aber wir uns selbst nicht.

Ich war zugegeben neidisch auf ihr Naturell, das ich damals nicht annähernd hatte. Sie war ständig gut drauf, war immer nett zu anderen, lachte laut in unpassenden Momenten und nichts schien sie umzuhauen. Sie hatte die Leichtigkeit eines Kindes. Zu Neid werde ich definitiv noch einen Artikel schreiben aber in diesem geht es um das Geheimnis warum sie vermutlich so ist. Das erklärt sich zum Teil wohl aus dem Umfeld in dem sie aufwuchs, das geprägt ist von einem Gesetz aus dem man eine Menge lernen kann.

Das „Kölsche Grundgesetz“

Der Leitfaden, der das Leben der Kölner regelt, nennt man das kölsche Grundgesetz.

Eine Art vorformulierte Überlebensstrategie bestehend aus 11 Artikeln ist gleichzeitig die Beschreibung der urkölschen Eigenheiten. Die Autoren, wie auch die Entstehungszeit der mundartlichen Redensarten sind unbekannt.

Ich habe das mal auf Coaching Maximen übertragen und wundere mich nicht mehr warum die Rheinländer fröhlicher sind als der Rest von Deutschland.

Artikel 1: Et es wie et es. („Es ist, wie es ist.“)

Als Coach würde ich sagen, dass es hier um Annehmen geht. Zu akzeptieren wie eine Situation gerade ist und nicht alle Energie zu verschwenden, gegen etwas anzukämpfen, das man grade sowieso nicht ändern kann. Jedes Mal wenn man etwas annimmt und es da sein lässt, lässt man auch gleichzeitig ein Stückweit los. Anders gesagt: Wenn Du vor einer Mauer stehst, schlag dir nicht die Faust daran blutig, halte inne, such das Positive oder was du daran lernen kannst und schau nach einer Lösung, wie du drum rum kommst.

Artikel 2: Et kütt wie et kütt. („Es kommt, wie es kommt.“)

Hier geht´s um das Vertrauen. Man kann sich eine Vision von Dingen machen und darauf hinarbeiten aber man sollte sie auch wieder loslassen und darauf vertrauen dass alles so kommen wird, wie man das möchte zum passenden Zeitpunkt. Ich habe das oft ausprobiert. Es funktioniert.

Artikel 3: Et hätt noch emmer joot jejange. („Es ist bisher noch immer gut gegangen.“)

Bedeutet nichts anderes als eine positive Einstellung dem Leben gegenüber zu haben. Du kannst dir aussuchen ob du eine positive oder negative Erwartung der Zukunft hast. Die Chancen sind 50 zu 50. Durch deine innere Haltung bewegst du die Waage in die jeweilige Richtung.

Artikel 4: Wat fott es, es fott. („Was fort ist, ist fort.“)

Hier geht es um etwas sehr wichtiges: Loslassen. Belaste dich nicht mit dem was vergangen ist. Jetzt ist jetzt und Du hast die Verantwortung und die Macht über das Heute. Nicht deine Vergangenheit. Stecke Deine Energie nicht hinein über etwas zu grübeln was vergangen ist. Ärgerst Du Dich z. B. immer wieder über Menschen, gibst Du ihnen jedes Mal wieder die Macht über dich. Man kann weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft leben. Nur im Jetzt. Das zerstört man sich durch Grübeln über Vergangenes – und die Zukunft gleich mit. Denn in der Haltung wird auch die Zukunft nicht besser. Und: halte dich nicht an Dingen fest. Je mehr du hast desto abhängiger bist du.

Artikel 5: Et bliev nix wie et wor. („Es bleibt nichts wie es war.“)

Das einzig beständige ist Veränderung. Nutze sie um zu wachsen, dich weiter zu entwickeln, deinen Horizont zu erweitern, dich lebendig zu fühlen. Betrachte sie nicht als Bürde sondern als Chance. Wenn du nicht ständig durch Veränderungsprozesse gehen würdest, würdest du stagnieren und abstumpfen. Die Natur hat Menschen aber auf Entwicklung, Wettbewerb und Erkenntnis ausgelegt. Sieh auch Scheitern nicht als Scheitern sondern als Chance zu lernen

Artikel 6: Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet. („Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, fort damit.“)

Damit habe ich erst mal ein bisschen mit gehadert weil ich gegen: „das haben wir schon immer so gemacht“ allergisch bin. Aber ich habe das mal so interpretiert:

Sei kritisch, wenn Neuerungen überhandnehmen und hinterfrage neue Trends und Meinungen genauso wie traditionelle. Belaste dich nicht mit unnötigem Krempel, nur weil dir jemand sagt, dass Du den jetzt brauchst obwohl du vorher auch ohne ausgekommen bist.

Artikel 7: Wat wells de maache? („Was willst du machen?“)

Könnte einfach füge Dich in Dein Schicksal heißen. Stellt aber die richtige Frage: Wenn Du es so wie es ist nicht haben willst, was willst Du STATTDESSEN?

Und welche Möglichkeiten und Fähigkeiten hast Du das zu bekommen?

Artikel 8: Maach et joot, ävver nit zo off. („Mach es gut, aber nicht zu oft.“)

Qualität über Quantität. Oder auch: Du musst es nicht immer perfekt machen und Du musst nicht perfekt sein und solltest das auch nicht von Anderen erwarten. Der Anspruch macht dich krank und unglücklich, weil es nie genug ist.

Artikel 9: Wat soll dä Kwatsch? („Was soll das sinnlose Gerede?“)

Manche Dinge beantworten sich auch in der Stille von ganz alleine. 80% am Tag reden wir Überflüssiges. Vor lauter Reden und Denken kommen wir nicht zum Fühlen und einfach nur mal SEIN.

Artikel 10: Drinks de ejne met? („Trinkst du einen mit?“)

Sei Gastfreundlich, geh offen und vertrauensvoll auf Menschen zu, denn wenn Du diese Haltung hast, strahlst Du die Energie aus und bekommst meistens auch positive Energie zurück. Teilen macht glücklich und neue Menschen und ihre Sicht der Welt bei einem Bierchen kennen lernen, erweitert den Horizont. Die Hessen können das auch beim Wein tun.

Artikel 11: Do laachs de disch kapott. („Da lachst du dich kaputt.“)

Ein gesunder Humor schützt vor Stress, entspannt Konflikte, wirkt verbindlich, hilft in Krisen und sorgt dafür dass man sich selbst nicht so ernst nimmt, was der Umgebung zugute kommt, die einen ja in mieser Stimmung ertragen muss und die sonst ebenfalls miese Stimmung bekommt. Das kann zur Lawine werden.

Auf so eine Sicht des Lebens kann man schon mal neidisch sein oder? 🙂

Gedankenimpuls:

Auf was oder wen bist du neidisch?

Was löst das Gefühl aus? Welcher Mangel oder unerfüllter Wunsch steckt dahinter? Was erlaubst du dir vielleicht selbst nicht?

 

Jean

About Jean

Ich bin Jeanette. Ich helfe Menschen ihre Vorstellung von Freiheit zu finden. Ob das eine Geschäftsidee ist, eine Lebensvision oder sie eine Auszeit vom Job machen wollen. Oder einfach emotionale unabhängiger leben wollen. DEIN LEBEN. DEINE REGELN!

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