Ich wollte eigentlich einen ganz anderen Artikel zum Jahresanfang schreiben. Zu Vorsätzen. Mit tollen Tipps. Total originell. Habe ich auch. Den finden Sie hier (da ich ihn ja nun schon mal geschrieben habe). Der eigentlich auch ein völlig Business orientierter hatte werden sollen. Ich habe aber festgestellt, dass ich reine Business Artikel gar nicht wirklich mag. Business besteht aus Menschen. Also schreibe ich 2018 lieber konsequent über Menschliches –  mit oder ohne Business Kontext.

Warum? Weil mich – neben dieser – mal wieder völlig überraschend, eine Erkenntnis erwischt hat. Eigentlich sogar zwei.

1. Zuhören ist wie Reden, nur besser!

Ist bekannt, hält sich nur kaum einer dran. Ok, es ist situationsabhängig aber generell lernt man mehr, wenn man mal die Klappe hält. Lassen Sie das bitte mal sacken.

Wer mich kennt, weiß dass ich gerne Fragen stelle. Aus Interesse an Menschen und Neugier und weil ich Dinge gerne von allen Seiten beleuchte. Wenn mich Themen interessieren („leider“ viele) habe ich dazu jede Menge zu sagen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon mit dem Vorsatz auf Veranstaltungen gegangen bin, diese Mal aber wirklich! nur zuzuhören. Sie werden erraten was das Ergebnis war. Im besten Fall 60/40 (allerdings nicht zu meinen Gunsten).

2. Die Lehrmeister sind unter uns

Es ist eine tolle Entwicklung, dass sich immer mehr Menschen mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen, mit Meditation, Führungskräfte in Zen Kloster gehen oder Heldenreisen machen. Vor allem sehr junge Menschen (ich hatte einen Workshop mit Studenten, deren Reflektionsfähigkeit mich völlig überrascht hat). Man geht also da hin und stellt sich Fragen und sucht Antworten. Redet wieder – nur dieses Mal mit sich selbst. Über Sinn, Güte, Liebe, Menschlichkeit, positives Denken, den Zustand der Welt, den eigenen. Und man will die Antworten ganz schnell. Wir haben schließlich Siri und Alexa. Wir sind das jetzt so gewöhnt.

Instant Wissen, Instant Weisheit, Convenience Erkenntnisse.

Jemand soll uns auf Null setzen, die Festplatte ausfegen und rebooten. Jetzt! Wir hocken in Seminaren und stopfen uns mit Erkenntnissen und Wissen voll. Hören zwar ausnahmsweise mal zu (man hat immerhin dafür bezahlt mal nicht selbst zu quasseln). Aber kapiert gar nicht um was es wirklich geht. Nämlich das Ganze im Alltag umzusetzen und zu einer inneren Haltung werden zu lassen.

Und dann ist man mal müde. Vom Machen und tun. Mir ging das so im letzten Jahresdrittel. Ich wollte eigentlich mehr Spielen, Experimentieren. Dazu war ich aber zu fertig. Ich hatte ein sehr ereignisreiches Jahr hinter mir. Ein Gefühl von Erfolg und Kontrolle. Und dann schien sich plötzlich ganz viel aufzulösen. Ein lieber Mensch wurde krank. Meine schön gebastelten Pläne wurden durchkreuzt u. s. w. Ist an sich nicht weiter schlimm. Chaos und Auflösung bedeuten nur, dass sich die Dinge neu sortieren und man einiges loslassen muss. Alles gut. Erzähle ich auch gerne meinen Klienten.

Normale Reaktion: Ich muss was tun. Der Impuls war kurz da aber wenn ich versuchte aktiv etwas zu tun, wurde ich dabei sabotiert. Nahm es als Hinweis und dachte mir: „&%?$§ drauf, du machst jetzt Pause“. Bestellte einen Probemonat Amazon Prime und glotzte Filme (Lebenszeitverschwendung hurrah), ging spazieren, schrieb, malte und zog mich zurück. Und redete wenig. Sehr wenig. Bis ich schon selbst beunruhigt war.

Und dann passierte plötzlich Interessantes.

Mir fiel auf: die Lehrmeister sind auch um mich herum. Wir bekommen so viele Botschaften im Alltag, wenn wir nur mal still und aufmerksam sind und zuhören.

Es fing mit dem Geist der Weihnacht, getarnt als Saftverkäufer an (Vielleicht wäre jetzt der Zeitpunkt zu erwähnen, dass ich keine Esoterik Tante bin, nur falls Sie gerade aussteigen wollen), der mir die Botschaft noch ziemlich laut um die Ohren haute. Aber es ging weiter. Probleme, die ich versucht hatte zu lösen, lösten sich von selbst oder taten es, nachdem ich einfach mal das genaue Gegenteil von dem versuchte, was ich sonst tat. Ich entschuldigte mich bei Menschen und rannte offene Türen ein. Ich bekam Güte aus Richtungen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Bekam Positives, obwohl ich ums Verrecken Negatives hören wollte.

Aufmerksamkeit b. z. w. „gesehen werden“ kam an Silvester zum Beispiel in dieser Form:  Eine Bekannte packte plötzlich Geschenke für die anwesenden Mädels aus, mit denen sie sehr eng befreundet ist. Aber sie hatte auch eines für mich. Dabei kennen wir uns nur relativ oberflächlich.

Sie hatte für jede aufwendige, mit liebevollen Details versehene Handtaschen genäht und bestickt. Individuell im Stil und genau zur Person passend. Ich bekam mein Geschenk als Letzte. Ich weiß nicht was ich erwartet hatte. Etwas Schlichtes. Eine mit-der-macht-man-nichts-falsch-und-passt-zu-Allem-Tasche. Was ich auspackte war das genaue Gegenteil. Eine kleine, weiße Hippie Tasche an der selbstgemachte bunte Bommeln hingen, handbestickt mit mexikanischen Mustern. Sie musste ewig daran gesessen haben.

Ich war 5 Sekunden komplett sprachlos (es gibt ein Video von dem Ereignis). Sie hatte 120% ins Schwarze getroffen. Selbst wenn wir uns nie wieder sehen würden, hat sie mir einen Augenblick geschenkt, an den ich mich lange erinnern werde.

Gnadenlose Wertschätzung kam dann nach Silvester um die Ecke, als ich aus der Schweigephase wieder raus war und über ein paar Situationen aus dem letzten Jahr nachdachte, in denen ich zwischenmenschlich nicht allzu sehr mit Empathie geglänzt hatte. Im Gespräch mit jemandem, der mich im letzten Jahr sehr intensiv kennengelernt hatte (wir waren uns gegenseitig sogar öfter ziemlich an die Gurgel gegangen), platzte ich mit der Frage raus: „Sag mal in welcher Weise findest du mich anstrengend im Umgang?“

„Na ja, du denkst unheimlich viel aber das ist in meinen Augen eine tolle Eigenschaft und macht dich interessant. Viele Perspektiven und Positionen einzunehmen, offen für die Meinung und Gedanken Anderer zu sein.“

„Das finde ich unheimlich lieb von dir und schätze auch sehr was du sagsts. Danke. Aber du weichst aus.“

„Ok, du brauchst mehr Fokus, das würde dir das Leben erleichtern bei deinen vielen Ideen.“

„Ich meinte was wirklich Negatives“. (Hörbares Seufzen am anderen Ende des Telefons)

„Du kannst sehr dickköpfig sein und bei Menschen den wunden Punkt finden und das auch sagen. Manchmal sehr direkt. Aber du merkst es schnell und siehst Fehler ein.“

„OK, ich weiß ihr Kanadier seid sehr höflich. Du musst nicht nett sein.“

„Bin ich nicht. Für viele Menschen kann das schließlich auch überfordernd sein.“

„Das ist auch nichts wirklich Kritisches. Ich bin sehr unzufrieden.“ (Dass er hier nicht aufgelegt hat, wundert mich).

Was ich meine ist: „Alles was dich ausmacht und ich gut finde an dir, kann genauso gut für Andere anstrengend sein.“

Das Gespräch ging noch etwas weiter aber es war nichts Negativeres aus ihm heraus zu bekommen. Ich war den ganzen Tag bestens gelaunt, behandelte andere freundlich und machte wildfremden Menschen Komplimente zu ihrem Lächeln.

Was ich vermutlich nicht getan hätte, wäre die Antwort anders ausgefallen. Vielleicht hätte ich etwas erfahren an dem ich hätte arbeiten könne. Aber hätte das meiner Umgebung mehr genutzt? Warum immer an den Fehlern arbeiten und nicht einfach mal mehr das Gute stärken, das da ist?

Normal garniere ich Artikel am Ende gerne mit Tipps. Ziehen Sie bitte dieses Mal Ihre eigenen Schlüsse. Ich bin noch müde von Silvester ;). Sie können mir Ihre Gedanken, Ideen Geschichten aber gerne schreiben.

PS: Gerade bekomme ich übrigens viele Hinweise zum Thema Grenzen. Die der Anderen und meine Eigenen. Dazu bald ein Artikel.

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