Wenn das Gewissen ein Saftverkäufer ist

By 27. Dezember 2017Mindset & Innere Haltung

Ich war immer der Ansicht gewesen, dass man anderen nur verzeihen sollte, wenn das gegenüber auch Reue zeigt. Es ist doch schließlich kein Problem einfach zusagen: Ok, da hab ich Mist gebaut, tut mir leid. Und alles ist gut. Verzeiht man weil man das Gefühl hat, man müsse das tun, brodelt der eigene Ärger unter der Oberfläche weiter. Verzeihen um jeden Preis ist ganz sicher nicht gut. Da sollte man vorher gut in sich hinein fühlen. Aber manchmal tut man sich selbst einen Gefallen damit.

Denn es gibt Menschen die können sich nicht entschuldigen. Weil sie Angst davor haben, wie der andere reagiert, wenn sie es versuchen. Weil das Selbstwertgefühl zu schwach ist, um Fehler zugeben zu können. Weil sie es nicht ertragen können sich einzugestehen, dass sie jemand anderen verletzt haben. Weil sie es nie gelernt haben und andere lieber abblocken obwohl sie sich eigentlich das Gegenteil wünschen. Oder weil sie Mütter sind, die immer Recht haben, es aber eigentlich gut meinen.

Dazu diese kleine Geschichte, die mir kurz vor Weihnachten selbst passiert ist.

„Hast du Lust Morgen mit mir nette Weihnachtsbotschaften an Menschen in der Fußgängerzone zu verteilen?“ fragte mich meine Freundin Francoise.
Klar hatte ich Lust. Wir trafen uns also gestern am Morgen im Café und schnitten Herzen aus, auf denen in Deutsch und Englisch stand: Liebe, Freude & ein Lächeln. Fröhliche Weihnachten“. Wir unterschrieben sie, tranken Kaffee und plauderten dabei. Vor allem über Mütter. Ich, weil ich aktuell Krach mit meiner hatte und ganz im Sinne der weihnachtlichen Nächstenliebe auf einer Entschuldigung bestand. Sonst wäre Weihnachten aber sowas von gelaufen.

Kurz darauf zogen wir mit zweihundert Herzen los.

„Frohe Weihnachten, hier ist ein Lächeln für Sie.“
„Ein kleines Geschenk für Sie zu Weihnachten.“

Fast immer erhielten wir ein strahlendes Lächeln zurück. Wohl da wir selbst strahlten wie Weihnachtsbäume weil wir riesigen Spaß hatten. Zwei nette Amerikaner sangen – sogar richtig schön – „Merry Christmas“ für uns.

Wir verteilten gerade die Herzen vor der Saftbar Orange : Mango, als jemand von innen an die Scheibe hämmerte. Ein junger Mann winkte uns mit breitem Grinsen und den Worten „Kommt rein, ich gebe euch einen frischgepressten Orangensaft aus“ hinein.

„Einfach so?“ fragten wir.

„Ich habe euch Herzen verteilen sehen und dachte: Wer Herzen verschenkt, sollte auch etwas geschenkt bekommen. Und es kommt wirklich von Herzen. Weihnachten ist doch das Fest der Liebe.“ Ich hielt ihn für einen Tunesier oder Marokkaner und war daher um so überraschter, aus der Richtung etwas zu bekommen, was sich verdächtig nach Weihnachtspredikt anfühlte.

Während er den Saft auspresste, sprach er weiter: „Es ist so schade wie viele Menschen an Weihnachten nicht an die Familie denken. Besonders bei seiner Mutter sollte man sich mal bedanken…“

Oha. Ich wechselte einen Blick mit Francoise, der die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochgerutscht waren. Mir ging auf, dass ich absurderweise fremden Menschen – die, nach allem was ich über sie wusste, Massenmörder sein konnten – Freude schenkte, aber bei meiner alten Mutter eigensinnig darauf beharrte, dass sie über ihren Schatten sprang.

„… Ich meine, wer bringt uns zur Welt? Kein Mann oder? Nein, unsere Mutter. Die hat uns da raus gepresst und aufgezogen und Alles für uns gemacht. Egal was ist, ob sie nervt oder nicht – eine Mutter ist eine Mutter“ prügelte der junge Mann gnadenlos weiter auf mein Gewissen ein.

„Ich habe langsam den Verdacht, dass wir nicht zufällig in diesen Laden geraten sind“ zischte ich Francoise leise zu und meinte laut „Lustig, das zu hören, ich habe grade Krach mit meiner.“

Er reichte zwei riesige Saftbecher über den Tresen. „Da drückst du halt mal ein Auge zu und rufst die an. Oder besser noch gehst du hin und nimmst sie in den Arm. Ich sage euch was. Ich bin am zweiten Januar wieder hier und dann kommt ihr vorbei und erzählt mir, dass ihr euch mit eurer Mutter vertragen habt. OK?“

Ich grinste ihn an: „Irgendwie kommen ich da jetzt nicht mehr drum rum, schätze ich.“
„Ok, verstanden“, echote meine Freundin hinterher.

„Gut. Und jetzt kriegt ihr noch einen Brownie dazu!“

Wir umarmten ihn kurz zum Abschied, verteilten den Rest unserer Weihnachtsherzen unter die Leute und ich ging mit einer neuen Erkenntnis heim.

All denen, kann man an Weihnachten dann doch mal das Herz wieder öffnen. Auch wenn die Tür dabei etwas protestierend quietscht. . Ich habe  diese Weihnachten den ganzen Trupp des letzten Jahres durch gewunden. Ganz einfach, weil es einem selbst besser geht, wenn man Ärger loslässt.
Und weil Energie der Aufmerksamkeit folgt.

Aber wie lässt man Ärger los?

  1. Fragen Sie sich was IHR ANTEIL an dem Ganzen ist.
  2. Nehmen Sie die Situation so an, wie sie ist. Immer wenn wir etwas annehmen, lassen wir automatisch ein Stück weit los.
  3. Fragen Sie sich: Ist das wirklich wichtig?

Vielleicht hilft Ihnen auch diese Geschichte:
Ein Zen-Schüler fragte seinen Meister, wie er besser mit seiner Wut umgehen könne.

Der Zen-Meister antwortete:

„Stell dir vor, daß du mit deinem Boot draußen auf dem See im Nebel unterwegs bist. Durch die Schwaden kommt ein anderes Boot genau auf dich zu und kracht in deines hinein. Du wirst wütend. Du denkst: „So ein Idiot, kann der nicht aufpassen?“

Dann bemerkst du, dass das andere Boot leer ist. Niemand drin, der dich absichtlich gerammt hat.

Dein Ärger verfliegt.

Der Zen-Meister fuhr fort:

„So ist es mit allem im Leben und mit allen Menschen, denen Du begegnest: Es ist, als würdest du von einem leeren Boot gerammt werden.“

„Hmm, ich verstehen. Aber wütend werde ich trotzdem, weil ich es neu streichen muss und stelle mir vor, dass ich immer das Opfer bin oder mir „etwas“ absichtlich schaden will.“

„So ticken wir Menschen“, sagte der Meister. „Doch je mehr wir üben, umso leichter können wir uns beruhigen und sehen, wie lächerlich und nutzlos es doch ist, an Zorn festzuhalten. Schuld ist immer das leere Boot. In den seltensten Fällen sind die Dinge beabsichtigt oder persönlich gemeint und nur da, um uns zu schaden.Und selbst wenn Dir jemand ganz persönlich schaden wollte: ist es dann nicht eine arme Seele, die sich und ihr Handeln nicht unter Kontrolle hat und das Glück an falschen Orten sucht?

Ist das wirklich in einer Stunde noch wichtig. Oder morgen, oder am Ende des Lebens?

4. Ist das wirklich wahr, weshalb ich wütend bin?

Um das heraus zu finden, können die „vier Fragen“ von Byron Kathie helfen:

1. Ist das wahr?
2. Können Sie mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
3. Wie reagieren Sie, wenn Sie diesen Gedanken glauben?
4. Wer wären Sie ohne den Gedanken?

Hier ist ein Beispiel dafür, wie die vier Fragen auf die folgende Aussage angewendet werden können:

“Tom sollte mich verstehen.”

1. Ist das wahr? Ist das wahr, dass er Sie verstehen sollte? Hören Sie in sich hinein.

2. Können Sie mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
Können Sie letztlich wissen, was er verstehen und was er nicht verstehen sollte?
Können Sie wirklich wissen, was das beste Verständnis in seinem Interesse ist?

3. Wie reagieren Sie, was passiert, wenn Sie diesen Gedanken glauben?
Was geschieht, wenn Sie glauben “Tom sollte mich verstehen” und er tut es nicht?
Empfinden Sie Wut, Stress oder Frustration? Wie behandeln Sie Tom? Werfen Sie ihm einen vernichtenden Blick zu?
Versuchen Sie ihn in irgend einer Weise zu ändern? Wie fühlen sich diese Reaktionen in Ihnen an? Wie behandeln Sie sich selbst?
Bringt Ihnen der Gedanke Stress oder Frieden?

4. Wer wären Sie ohne den Gedanken?
Schliessen Sie ihre Augen. Stellen Sie sich vor, in Toms Gegenwart zu sein.
Nun stellen Sie sich vor, dass Sie Tom nur für einen Augenblick ohne den Gedanken ansehen: „Ich will, dass er mich versteht.“
Was sehen Sie? Wie wäre Ihr Leben ohne diesen Gedanken?

Die Umkehrung
Als Nächstes, kehren Sie Ihre Aussage um. Die Umkehrungen sind eine Möglichkeit, das Gegenteil von dem zu erfahren, was man für wahr hält. Sie können mehrere Umkehrungen finden. Zum Beispiel wird “Tom sollte mich verstehen” umgekehrt zu: „Ich sollte mich verstehen“, “ Ich sollte Tom verstehen“, „Tom sollte mich nicht verstehen“. Finden Sie für jede Umkehrung mindestens drei konkrete, echte Beispiele aus Ihrem Leben, wie die Umkehrung wahr ist. Es geht hier nicht darum, sich selbst anzuklagen oder Schuldgefühle zu empfinden. Es geht darum, Möglichkeiten zu entdecken, die Ihnen Frieden bringen und ein leeres Boot zu sehen.

Auf die Nächstenliebe 

 

PS: Ich werde jedenfalls am 2.1.2018 bei meinem Weihnachtsengel auf der Matte stehen 

Und hier gibt es den Film zur Aktion zu sehen.

 

 

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