Hast du den Mut, ehrlich zu sein, auch wenn du nicht gut dabei wegkommst?

So aktuell habe ich noch nie einen Blog Artikel geschrieben.

Ich sitze gerade in einem Café und arbeite. Neben mir am Tisch drei junge Frauen, vielleicht neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Die Stimmung ist nicht gut. Offenbar sind es Kolleginen.

(Jaaa, ich weiß, daß man nicht lauschen soll aber sie reden nun mal laut, die Tische stehen eng und ich habe kein Ohropax dabei. Aber gut: ich lausche. Und es ist nicht ok).

Die eine vermutet, dass die andere sich kritisch über sie beim Chef geäußert hat. Sie hat aber keine direkten Beweise dafür. Das kann ich dem Gespräch entnehmen.

Ich warte gespannt darauf, wie sich die Brünette der Kollegin gegenüber heraus redet, denn zumindest mein Bauchgefühl sagt gerade „schuldig“ wenn ich sie betrachte und höre. Es wäre zudem einfach für sie, da sich das Gegenüber nicht sehr geschickt anstellt. Es ist ja auch eine Sache so etwas im Privaten zuzugeben aber eine andere, es im beruflichen Kontext zu tun, wo es Folgen haben kann. Immerhin sitzt eine dritte Person am Tisch.

„Einfach“ mal die Wahrheit sagen

Zu meinem Erstaunen versucht sie es gar nicht erst. Das ist der ungefähre Wortlaut:

„Ja, das stimmt. Ich habe mich über dich geärgert, dass du mich mit dem Projekt hast hängen lassen. Und habe, weil ich sauer war, mit ihm geredet und war nicht grade fair. War nicht ok. Es tut mir leid.“

„Wieso hast du nicht zuerst mit mir gesprochen?“ fragt verblüfft das Gegenüber, die offenbar auch mit einem langen verbalen Tauziehen gerechnet hat.

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Manchmal baue ich eben Mist. Ich kann dir grade nur jetzt die Wahrheit sagen. Es tut mir echt leid.“

Ich bin gerade sehr beeindruckt davon, wie die Braunhaarige das gemacht hat.

Sie hat gesagt „manchmal baue ICH Mist“. Die meisten Menschen würden das Wort „ man“ verwenden um sich zu distanzieren.

Die Wahrheit zu sagen, zeigt menschliche Größe und Charakter

Auch hat sie keine Entschuldigung für ihr Verhalten gesucht. Sie hat einfach erklärt, dass es passiert ist und nicht zu entschuldigen ist. Außer mit der Wahrheit. Besser kann man Respekt nicht zeigen. Sie gibt zu sich nicht fair verhalten zu haben und nimmt hin, selbst als unfair und „Petze“ dazustehen. Sie macht das sogar vor einer weiteren Person, was den Fehler bzw. den Gesichtsverlust noch größer macht. Theoretisch. Denn was sie in Wirklichkeit zeigt, ist menschliche Größe. Und das in dem Alter. Mir nötigt das gerade sehr viel Respekt ab.

Das schaffen die wenigsten Menschen.

Die Frage ist warum.

Warum ist es so wichtig, dass das eigene Image nicht angekratzt wird?

Jeder will ein netter und ehrlicher Mensch sein – vor allem vor sich selbst. Sicher. Liegt es also daran, dass wir selbst nicht ertragen können, dass wir das manchmal nicht sind? Dass wir Mist bauen und andere darunter leiden müssen, auch wenn wir das gar nicht wollten?

Ist unter der Fassade von Vielen, das eigene Selbstbild so schwach, dass es nicht verträgt, auch mal das eigene Versagen zu akzeptieren?

Glauben wir ernsthaft andere zu schützen, indem wir lügen?

Spätestens ab fünfunddreißig Jahren, sollten Menschen aureichend reflektiert sein, um zu dem zu stehen, was sie tun. Ohne Hintertürchen und Ausreden. Warum schaffen das trotzdem so wenige?

Das kann sogar zu totaler Realitätsverzerrung führen. Eine Bekannte regte sich kürzlich darüber auf, dass ihr Exfreund sofort eine Neue hatte, als sie ausgezogen war. Was sie völlig vergass, war die Tatsache, dass sie ihn vorher in der Beziehung betrogen hatte. Sie hatte es geschafft sich einzureden, nicht nur „nichts falsch gemacht“ zu haben, sondern sogar das Opfer zu sein.

Freut euch, wenn Kinder lügen

Ich war kürzlich auf einer TEDx Veranstaltung zum Thema „Trust – Old values, new realities“. Darin erklärte ein Speaker, Eltern sollten sich freuen, wenn ihre Kinder ab etwas zwei Jahren anfangen zu lügen. Denn kleine Lügen seien nötig, weil soziale Gesellschaften sonst nicht funktionieren könnten. Sie sind offenbar sozialer Klebstoff. Erzählten Kinder keine Lügen, seien sie meist Authisten oder hätten das Asperger Syndrom. Die Betonung lag allerdings auf „kleine“ Lügen.

Als Kinder werden wir für Fehler gestraft und bekommen das Signal „Du bist schlecht wenn du das tust“. Wir lernen also früh und selbst vor Blamage zu schützen, indem wir lügen. Und vor allem, das eigene Selbstbild zu erhalten.

Allerdings erzählen wir uns selbst die schlimmste Lüge, bevor wir sie einem anderen erzählen. Wir versuchen uns etwas schön zu reden oder zu rechtfertigen, was schlicht nicht schön ist. Eben den einfachen Weg zu gehen, statt den richtigen. Und das wissen wir auch tief im Inneren sehr genau.

Unterschrift

PS: Am Nebentisch sind die Mädels gegangen, mit der Absicht, gemeinsam beim Chef die Sache zu klären.

Jean

About Jean

Ich bin Jeanette. Ich helfe Menschen ihre Vorstellung von Freiheit zu finden. Ob das eine Geschäftsidee ist, eine Lebensvision oder sie eine Auszeit vom Job machen wollen. Oder einfach emotionale unabhängiger leben wollen. DEIN LEBEN. DEINE REGELN!

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