Words like violence
Break the silence
Come crashing in
Into my little world

Painful to me
Pierce right through me…

So fängt einer meiner Lieblingssongs von Depeche Mode an. Die Worte faszinierten mich lange bevor ich wirklich herausfand, was Stille bewirken kann. Und wie störend manchmal Worte sind. An Musikstücke lassen sich gut Themen anknüpfen, stelle ich fest. Davon wird es also noch mehr geben. 🙂

Esoterik, Jesuslatschen und Räucherstäbchen

„Ich gehe jedes Jahr ein Mal ins Kloster für ein paar Tage. Um zur Ruhe zu kommen.“

Das vertraute mir ein erfolgreicher Unternehmer an, den ich vor ein paar Monaten auf einer Netzwerkveranstaltung traf. Ich hätte diesen großen „Machertypen“ niemals als jemanden eingeschätzt, der so etwas macht. Also Schublade auf, Mensch wieder raus.

Dasselbe dachte er wohl von mir, denn als ich ihm eröffnete, vor zwei Jahren für einen Workshop in einem Ashram in Israel gewesen zu sein, war er genauso verblüfft.

Was wir beide an diesen Orten fanden, war  – unter anderem – Stille.

Ich war darüber selbst noch am meisten erstaunt, denn hätte mir noch vor ein paar Jahren jemand gesagt, ich würde in einen Ashram gehen; ich wäre schreiend weggerannt. Für mich war das Wort „Ashram“ Synonym für Esoterik, Raucherstäbchen, grobgestrickte Wollpullis, Jesuslatschen, Menschen die Bäume umarmen oder bei Mondschein Schafsplazentas vergraben. Oder was auch immer. Jedenfalls nichts, womit ich etwas zu tun haben wollte.

Bis ich irgendwann zu der Erkenntnis kam, dass das nicht nur arrogant, sondern auch ziemlich dumm war. Ich urteilte über etwas, das ich nur vom Hörensagen kannte. Aus der Komfortzone raus zu gehen und den Horizont zu erweitern bedeutet eben auch mal Dinge zu machen, die einen befremden. Man kann dann immer noch entscheiden, was man für sich mitnehmen will und was man stehen lässt.

Dort gelandet war ich dann ehrlich gesagt aber durch Zufall, da ich grade in Israel war und die Leiterin des Workshops – von der man mir erzählt hatte – unbedingt kennen lernen wollte.

Wir hören uns vor lauter Lärm selbst nicht mehr

Denn wir leben in einer unglaublich lauten Gesellschaft. und wenn es mal nicht laut ist, machen wir uns den Lärm selbst.

Der Ashram war ein ehemaliger winziger Kibbuz, mitten in den Ausläufern der Negev Wüste. Trat ich vor das Tor, stand ich in einer öden grauweißen Steinwüste, die nur von den jordanischen Bergen am Horizont begrenzt wurde. Ein Ort, an dem ich früher nicht tot hätte über dem Zaun hängen wollen.

Wenn ich mich spontan für etwas entscheide, übersehe ich gerne mal das Kleingedruckte und so zog es mir kurz den Teppich weg, als ich dort ankam und man mir mitteilte, dass wir außerhalb des Workshops schweigen würden.

Sieben Tage lang.

Man durfte sich selbst zuhören und in ein Tagebuch schreiben. Auch alles andere womit man sich sonst ablenkt, wurde uns entzogen. Internet, Mobiltelefone und Schokolade. Ich habe selten Menschen so verzweifelt wie erfolglos um Kaffee, Zucker und Zigaretten oder Gewürze im Essen kämpfen sehen. Stille hieß auch keinen Augenkontakt aufzunehmen, kein Dankesnicken wenn einem die Tür aufgehalten wurde und keine Zeichensprache. Nichts.

Durch meine Reisen in den australischen Busch oder in der marokkanischen Wüste, war mir alleine zu sein vertraut, nicht aber das viele Schweigen. Ich liebe es neue Menschen kennen zu lernen und ihnen ein Loch in den Bauch zu fragen und verbales Ping Pong zu spielen. Da saßen nun haufenweise interessante Menschen und ich durfte nicht. Es war nicht lustig.

Es war dann aber interessant festzustellen, dass wir 80 % am Tag völlig überflüssiges Geschnatter von uns geben. Das merkte ich dadurch, dass wir gezwungen waren, im Essensraum schweigend neben anderen Gruppen – die reden durften – zu sitzen. Das meiste von dem, was wir reden ist negativ. Sogar 90 % der Gedanken, die wir am Tag denken, sind immer wieder die gleichen. Kein Wunder, dass das Gehirn mehr Energie frisst, als die Benutzung von Armen und Beinen zusammen.

In der Stille beantworten sich viele Fragen von selbst

Das hatte die Leiterin gesagt. Und ich fand heraus, dass das stimmte. Die Wüste ist ein erstaunlicher Ort. Sie ist ein riesiger Raum, in dem das Auge und die Gedanken wenig finden, um daran festzuhalten. Wo man sich selbst nicht mehr ausweichen kann. In dem man endlos laufen kann, in dem einem langweilig wird. Bis das riesige Nichts um einen herum plötzlich Freiheit wird. Für Klarheit, für Neues. Wie eine riesige, weiße, unbemalte Leinwand im Kopf.

Nach vier Tagen durften wir untereinander überraschend wieder sprechen. Erstaunlich war, dass so gut wie niemand das Bedürfnis dazu hatte. So gut wie alle blieben die vollen sieben Tage in Schweigen.

Die Tradition in die Stille zu gehen, gibt es in jeder Religion und fast alle großen Denker der Geschichte haben in irgendeiner Form ihre Bedeutung zitiert. Denn …

Wir lenken uns permanent ab

Oder werden abgelenkt. Der Tag ist so voll, dass unsere Gefühle und der innere Tumult gar keine Chance haben zur Ruhe zu kommen zur Klarheit zu kommen. Viele Menschen, die mit Meditation anfangen, scheitern sehr schnell, weil das Ego Stille hasst und versucht Lärm zu machen, wo es geht. Wir begegnen uns deshalb nicht gerne selbst, weil uns auch Dinge bewusst werden, die wir nicht sehen oder wahrhaben wollen.

Die Probleme der Menschen rühren daher, dass wir nicht still sein können

Ein großer Lehrer hat einmal gesagt, dass alle Probleme der Menschheit daher rühren, dass wir nicht still sitzen können. Wir bewegen uns zu viel, wir reden zu viel, machen aus Mücken Elefanten und aus kleinen Missgeschicken Katastrophen, weil wir nicht die Ruhe haben Abstand zu gewinnen und unsere innere Weisheit zu hören.

Wir reden, wir denken und wir hören sehr selten zu. Und wenn wir mal nicht laut reden, reden wir innerlich weiter. Das wird uns sogar anerzogen. Wer rastet der rostet und Lebensberechtigung hat nur derjenige der etwas tut, schafft und produziert. Alles andere fällt unter Faulheit. Dabei ist eine Voraussetzung dafür z. B. kreative Idee zu haben, ein ruhiger Geist. Die besten Ideen kommen mir immer dann, wenn ich grade in Stille bin. Kaum ist der Geist leer, ist Platz, damit etwas Neues entstehen kann. Wie auf einem Blatt weißen Papier. Auf einem voll gekritzelten kann schließlich auch niemand malen.

Stille heilt emotional

Das Paradoxon ist, dass man in Stille geht und mit viel mehr Lebensfreude wieder heraus kommt. Eine Freundin von mir, die Atheistin ist, geht trotzdem in die Kirche wenn sie komplett unter Stress steht oder unglücklich ist. Weil es einer der wenigen Orte ist, wo sie Stille findet. Sie sitzt einfach nur da. „Die Dämonen tanzen lassen“ nennt sie das. In der Stille bekommt der Schmerz Raum und die Seele Ruhe um zu heilen.

Eines meiner friedlichsten Erlebnisse hatte ich einmal im Winter in Deutschland. Es schneite wie verrückt, die Autobahn war nicht geräumt und von Autos leer gefegt. Ich fuhr mit 40 Kilometern pro Stunde drei Stunden nach Hause. Und genoss jede Sekunde der absoluten Ruhe um mich herum. Nur das leise Brummen des Motors war zu hören. Nachempfinden konnte das nur eine Freundin, die zwei kleine Kinder hat.

Deswegen liebe ich auch den australischen Busch

Weil es dort wirklich noch einsame Orte gibt. Vor einer Weile war ich dort und habe Stunden damit verbracht ins Kaminfeuer zu schauen, weil das Wetter oft noch sehr kalt und regnerisch war. Habe beobachtet, wie sich die Flammen bewegten, die Farbe wechselten, Funken aufflogen, die Holzscheite aufglühten, in sich zusammenfielen, die Asche aufstob und fühlte, wie sich die Wärme ausbreitete. Eine Beschäftigung, die mich früher nach zwei Minuten wahnsinnig gemacht hätte. Ohne zumindest das Radio im Hintergrund laufen zu haben konnte ich nicht in einem Raum alleine sein. Heute bleibt alles bewusst abgeschaltet.

Genauso gerne, wie ich vor dem Haus saß und die Kängurus und Pferde im Busch beim Grasen beobachtete, saß ich an einem der endlosen Strände. Die Monotonie der Wellen hat eine eigene Ruhe in ihrer Gleichförmigkeit. Als ich anfing Surfen zu lernen, wurde mir klar, dass es auch im Leben darauf ankommt, statt gegen die Wellen anzukämpfen, sie abzupassen, ihnen zu folgen und ihre Energie zu nutzen. Mir macht das Meer immer wieder bewusst, wie fantastisch der Planet ist, auf dem wir leben, besonders seit ich weiß, dass jeder Tropfen Wasser den wir haben, mit Meteoriten auf die Erde kam. Und irgendwann fiel mir auf, dass ich sogar in den Bergen am Meer sitze. Sie sind ja nur aufgefalteter Meeresboden. :).

So weit muss man aber gar nicht weg. In sehr vielen Klöstern oder auch buddhistischen Tempeln in Deutschland ist es möglich für einige Tage zu wohnen, auch wenn man kein Mitglied der Gemeinschaft ist.

Was, wenn Stille und Nichtstun gerade zu schwierig sind?

Ich persönlich schreibe dann, male, laufe oder bin mit dem Pferd im Wald unterwegs. Das Gedankenkarussell ist dann mal abgeschaltet. Manchmal reicht es schon nur kurz im Auto sitzen zu bleiben, die Augen zu schließen und Gedanken und Gefühle kommen und sie einfach wieder gehen zu lassen.

Sie finden da sicher auch das Passende für sich, denn jeder hatte solche Momente schon mal. Sie bewusst zu gestalten vergessen wir aber in der Alltagshektik oft.

Ich fragte den Unternehmer am Ende unserer Unterhaltung, was er in der Stille fand: „Mich“ war die Antwort. „Innerer Friede“ wäre meine gewesen. Gefolgt von Leichtigkeit und Glücksgefühl. Was genau genommen aber auf das Gleiche raus kommt.

Ich lese und höre grade überall, wie man seine Vorsätze oder Ziele für 2017 erreicht. Das machen wir doch das ganze Jahr schon ständig.
Wie wichtig Ruhe, Auszeiten, Loslassen und Stille dabei sind, vergessen wir oft.

Ich wünsche allen für 2017 viele kleine Momente der Stille.

Unterschrift

Leave a Reply