Sich eine Blöße zu geben, ist die Fähigkeit zu sich selbst zu stehen

Kürzlich kam ich an dem Haus vorbei, das Sie auf dem Artikel Bild sehen und machte spontan das Foto. Denn es ist ein Thema, das mir bei meiner Arbeit mit Klienten und für Unternehmen immer wieder begegnet und mit dem ich selbst auch jeden Tag bewußt umgehen muss. Die Angst sich eine Blöße zu geben.

Sich keine Blöße zu geben ist für die meisten Menschen unglaublich wichtig. Sie geht zurück auf die Urangst, von der Gruppe ausgegrenzt zu werden. Das erfordert vermeintlich jederzeit das Gesicht wahren zu müssen. Um nicht für dumm und unfähig und nutzlos gehalten zu werden. Meist stecken dahinter Angst verursachende Erfahrungen aus der Kindheit.

Das wichtigste Bedürfnis für Menschen ist Anerkennung zu bekommen. Kritik tut weh. Denn wenn sie kommt, haben wir nicht „genügt“. Aber nur wer genügt und alle Anforderungen erfüllt, wird anerkannt, wird gelobt und wird geliebt. Jeder Mensch ist verständlicherweise lieber erfolgreich als Misserfolg zu haben. Aber für Viele ist es regelrecht die „Lebensberechtigung“ Lob zu bekommen. Als Kinder werden wir fast nur dann gelobt, wenn wir etwas geleistet haben. Wenn wir „Mist gebaut“ haben, werden wir bestraft. Versuche etwas zu bewältigen, werden erst dann wert geschätzt, wenn sie nahezu perfekt laufen. Wenn das Ergebnis gleich stimmt. Dabei wäre es wesentlich sinnvoller, den Versuch etwas zu schaffen zu loben, was aber viel zu kurz kommt. Das prägt sich tief ein und hat eine massive Wirkung auf unser Selbstbewusstsein.

Und das Bedürfnis alles abzusichern, setzt sich bei Erwachsenen als Verhaltensmuster fort. Wenn man sich als erwachsener Mensch zudem vor allem über den Erfolg im Job definiert, kommt schnell die Befürchtung auf, nicht das Gehalt wert zu sein, das man bekommt.

Fachkräftemangel erfordert die Kreativität aller Mitarbeiter zu nutzen

Das wirkt sich verhängnisvoll aus, in einer Zeit, in der der Fachkräftemangel für die meisten Firmen schon deutlich spürbar ist. Die Kreativität aller auszuschöpfen wird essenziell wichtig für dauerhaften Unternehmenserfolg. In den meisten Unternehmen wird Innovation ja auch gefordert.

„Seid innovativ, bringt Ideen“ schallt es aus den Führungsetagen den gestressten und verunsicherten Mitarbeitern entgegen.

Doch kaum jemand weiß wie Kreativität entstehen kann, welches Umfeld sie braucht und welche Fähigkeiten, insbesondere bei den Führungskräften sie voraussetzt.

Wenn dann in Unternehmen noch mit Null-Fehler Toleranz und Angst gearbeitet wird, entsteht eine ‚Der-war-es‘-Kultur. Oder auch die ‚Ich-war-es-nicht‘-Kultur. Dann sind Mitarbeiter nur noch damit beschäftigt sich abzusichern, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen oder sich gegenseitig am Stuhl zu sägen. Und da Energie der Aufmerksamkeit folgt, kann man sich vorstellen, wo das endet.

Und das verhindert in Unternehmen Experimentierfreude und Freiheit, Kreativität und damit Innovation. Dabei ist sie ist auf Dauer das Einzige, was den Unternehmen in einem digitalisierten und globalisierten Markt, in dem Wissen jedem weltweit zugänglich ist, das Überleben sichern kann.

Planbare Innovation ist ein Paradoxon @jeanbouffier click to tweet 

Innovation ist nicht planbar. Sie ist ein Weg ins Ungewisse, der Mut, Zeit und Risikobereitschaft erfordert und eine Toleranz für das Scheitern und für Fehler. Denn echte Innovation entsteht nur durch Experimente, durch ausprobieren, durch „try and error“. Innovation zu planen ist ein Widerspruch in sich, denn etwas gänzlich Neues kann keinen Bauplan haben und kein gesichertes Ergebnis.

‚Dusch-mich-aber-mach-mich-nicht-nass‘- Firmenkulturen

Ich beobachte sehr oft in Firmen, dass mutige Konzepte, mit denen das Unternehmen sich wirklich deutlich vom Wettbewerb abheben könnte, aus Angst der Mitarbeiter so weit verwässert werden, dass sie keinerlei Wirkung mehr erzielen. Konzepte brauchen genauso wie Persönlichkeiten, Ecken und Kanten wenn sie auffallen wollen. Ich weiß nicht wie oft ich den Satz schon gehört habe: “ Ja, ich verstehe was Sie meinen, Sie haben auch Recht. Aber mein Chef hat gesagt …“. Da wird nicht das Richtige gemacht, sondern es wird versucht alles „richtig“ zu machen und es vor allem jedem recht zu machen. Also am Ende niemanden. Hauptsache, man kann rechtfertigen was man gemacht hat. Kürzlich wurde ich gebeten Untersuchungsergebnisse herbeizuschaffen, für etwas, das eine rein geschmäcklerische Angelegenheit war, die keinerlei Auswirkung auf den Ausgang des Projektes gehabt hätte. Die aber jemand entscheiden musste. Da wurde versucht etwas abzusichern, was von Anfang an wegen Banalität zum Scheitern verurteilt war.

Selbst wenn der Chef kaum da ist um das Ganze sinnvoll zu überblicken und den Rat des Mitarbeiters bräuchte, der oft tiefer involviert ist, läuft das meist so. Er kann sogar ein umgänglicher Mensch sein, bei dem ich weiß, dass man ihn mit vernünftigen Argumenten überzeugen könnte. Trotzdem bringen viele Mitarbeiter nicht den Mut auf für etwas einzustehen, auch wenn sie die Fakten besser kennen und sogar Menschen beauftragt haben, die sich mit der Materie besser auskennen. Man versucht durch Angepasstheit den Job zu behalten.

Menschen scheuen intelligente Entscheidungen nicht, weil sie keine treffen könnten, sondern weil ihnen die Fähigkeit dazu abgesprochen wird.

Verängstigte Mitarbeiter kosten die Wirtschaft Milliarden Euro @jeanbouffier click to tweet 

Meiner Erfahrung nach sind aber insbesondere Unternehmer auch davon beeindruckt, wenn man eine eigene Meinung vertritt und ein Rückgrat hat. Das hat diese nämlich genau dort hin gebracht wo sie sind. Und es ist genau die Qualität, die einem Unternehmen die Zukunft sichert. Die Haltung von Mitarbeitern nirgends anecken zu wollen und es um jeden Preis „richtig“ machen zu wollen, kostet die Wirtschaft Milliarden.

Sicher gibt es auch die Patriarchen, die keinen Widerspruch dulden aber die sägen sich damit auf Dauer den Ast ab, auf dem sie sitzen. Da wird dann auch gerne von „Die da unten verstehe das wieder nicht“, gesprochen. Was auch öfter der Fall ist, weil Informationen nicht weiter gegeben werden. Und wem Transparenz fehlt, der versteht auch oft nicht warum er grade tun soll, was ihm oder ihr gesagt wird. Vertrauensvolle und wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe? Fehlanzeige.

Zum einen können die Ursachen für das ‚Ich-war-es-nicht‘-Syndrom also darin liegen, dass das Unternehmen über Angst gesteuert wird, weil die Führung kein Vertrauen in die Mitarbeiter hat. Führungskräfte die nach oben buckeln und nach unten treten und ihre Mitarbeiter bis auf die Toilette überwachen, sind die Folge. Somit wird jede Motivation abgetötet.

Zum anderen liegt es aber auch oft daran, dass sich Mitarbeiter selbst beim nettesten Chef wegen alter Muster, über angepasst verhalten und sich selbst im Weg stehen.

Sich eine Blöße zu geben, ist die Fähigkeit zu sich selbst zu stehen

Dazu Schwäche zu zeigen, Vertrauen zu geben, Verantwortung für sich und sein Leben und das eigene Tun zu übernehmen. Und Verantwortung für die Mitarbeiter, die man führt. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und vor allem Selbstreflexion.

Wenn du also erkennst von welchen erlernten Mustern und Befürchtungen du gesteuert wirst, bist du in der Lage, das eigenen Verhalten zu beobachten und zu unterbrechen.

Du kannst gegenüber dem Chef souveräner auftreten oder als Führungskraft deinen Mitarbeitern mit mehr Vertrauen begegnen. Denn mal eine Schwäche zuzugeben ist menschlich und macht menschlich. Und nur Menschen die die Erfahrung gemacht haben, sofort dafür bestraft zu werden, strafen auch andere dafür ab.

 

 

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Jean

About Jean

Ich bin Jeanette. Freiheits-Mentorin und Coach. Ich helfe dir den Mut zu haben, dein Leben nach deinen Regeln zu leben und deine Vorstellung von Freiheit zu finden. Egal ob du selbstbestimmter leben, deine Berufung und deine Geschäftsidee finden oder eine Auszeit vom Job machen willst. DEIN LEBEN. DEINE REGELN!

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