Year of the monkey – Festival der digitalen Transformation & Innovation

 

Vor ein paar Tagen war ich auf der YEAR OF THE MONKEY – THE DIGITAL TRANSFORMATION AND INNOVATION FESTIVAL, in München, das im BACKSTAGE stattfand – ein bisschen schrammelig, unfertig, cool und eher bekannt für Partys und Konzerte – die perfekte Location also für das Festival, das vor einem Jahr zum ersten Mal als YEAR OF THE GOAT stattfand und sich noch ein wenig finden muss. Genauso, wie die Entwicklung und die Umbrüche die auf der Welt gerade stattfinden und die Themen der Talks waren.

Deswegen war es aber sehr entspannt. Die Macher hatten sich sehr viel Mühe gegeben das Motto auf die Ausstattung bis ins Detail zu übertragen und es war erfrischend wenig konservativ.

Ich bekam ein Namensschild mit einer Ratte darauf – passend zu meinem chinesischen Sternzeichen  – zum ausfüllen, was mich freute. Das sind ja sehr intelligente Tiere :).

30 Speaker an einem Tag

Das ist unglaublich viel, daher gab es in zwei Hallen zwei parallel laufende Streams, die thematisch gut geordnet waren.

Den interessantesten Keynote Vortrag hielt Prof. Dietmar Harhoff Ph. D. vom Max-Planck-Institut. Er ist Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), die die Bundesregierung in Innovationsfragen berät. Er warf einen Blick auf das Innovationsland Deutschland.

Digitale Technologien stellen alte Geschäftsmodelle auf den Kopf. Apps übernehmen Dienstleistungen, die vorher von Menschen erbracht wurden. Start-ups sind Experimente, um Wertschöpfungsketten neu zu definieren. Und auch die Konzerne sind aufgewacht und haben Inkubatoren ins Leben gerufen, um Start-ups zu fördern und an sich zu binden.
Er stellte die Frage, was sich ändern muss, damit Forschung und Entwicklung besser unterstützt werden.
Der erste Vortrag den ich mir danach anhörte war:

 

TESLA – To accelerate the world´s transition to sustainable transportation

Benedikt Bucher von Tesla Motors erklärte die 3 Phasen des Tesla Business Models

Von der ersten Phase „Schicke Autos für early adopter“, über die 2. Phase „Autos, die mit Audi, BMW, etc. konkurrieren können“, bis zur 3. Phase „Den Massenmarkt erreichen“. Das Versprechen von Tesla: Alle Fahrzeuge können überall mit kostenlosem Strom aufgeladen werden. Dafür baut Tesla mit Elon Musks fünfter Firma SolarCity aktiv sein Netz für die Supercharger-Stationen aus. Die clevere Idee zur Finanzierung der kostenlosen Energie funktioniert analog wie das Internet. Das World Wide Web ist kostenfrei. Allerdings zum Preis von Werbung, die das Internet sowohl finanziert als auch eine eigene Wirtschaft hervorgebracht hat. Kostenloser Strom kann also ähnlich durch neue Geschäftsideen finanziert werden. Ihren Kundenservice stellen sie – anders als andere Autohersteller – ihren Kunden kostenfrei zur Verfügung. So weit so gut.

 

Workshop oder Werbeveranstaltung?

Leider hatte der Vortrag damit nicht allzu viel mit dem Titel zu tun mit dem er angekündigt war. Er glich eher einer Verkaufsveranstaltung. Visionäres über das hinaus, was Tesla bereits macht, war nicht zu hören.

Irritiert hat mich definitiv der „Workshop“ von Alexander Kuhl von Siemens, der eigentlich etwas zu darüber sagen sollte, was relevante Fähigkeiten für die digitale Zukunft sind. Auch dieser geriet eher zur Werbeveranstaltung, die Siemens als Wohltäter darstellte, die das Leben der Menschen verbessern. Als einer der Größen in der Waffenindustrie, ist das eine gewagte Aussage. Die Information war nur einen Klick weit weg. Ich weiß nicht ob jemandem außer mir die Ironie auffiel, dass es in der Halle nebenan den Workshop „Crowdsourcing as a possibility to integrate refugees fast into meaningful labour“ gab.

Auch wenn man 300.000 Menschen weltweit beschäftigt, würde mich interessieren ob das und die Steuern, die Kosten aufwiegt, die uns Kriege kosten. Sicher stellt das Unternehmen auch viele Dinge her, die das Leben von Menschen verbessern aber mir fiel dazu ein Keynote Vortrag ein, bei dem es darum ging, dass sich besonders die Generation Y in ihrer Arbeit mehr Sinn wünscht. Mir stellt sich dann die Frage, in wie weit es Menschen möglich ist, in ihrer Arbeit Sinn zu sehen  und motiviert zu sein – auch wenn sie in einer der „hilfreichen“ Abteilungen arbeiten – wenn sie genau wissen, dass ein großer Teil des Konzerns zu Kriegen beiträgt.

 

How base jumping and collaboration can be used to create powerful digital stories

Peter Wyllie, ein Arzt und Base Jumper erzählt in seinem Vortrag davon, wie man kraftvolle, digitale Geschichten erzählen kann. Hier gibt es den Film dazu.
Danach höre ich mir den Vortrag von Gina Deininger von Create Schools an.

 

The future of education

Die Schulen folgen dem Prinzip von Aristoteles, dass es beim Unterrichten von jungen Menschen nicht darum geht einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen. Und dass das gelingt, kommt in zahlreichen Interviews mit Kindern die sie zeigt, deutlich zum Ausdruck. Das liegt daran, dass der Unterricht überwiegend Projekt basiert ist. Die Kinder können sich je nach Talent aussuchen und ausprobieren, was sie tun wollen. Damit wird echte Kreativität gefördert. Das in Zukunft höchste Gut in einer Welt, in der über das Internet Wissen jedem zugänglich ist, körperliche Arbeit austauschbar wird und Wirtschaft nur durch ständige Innovation überleben kann.

Daher stehen im Zentrum der Idee der Create Schools, den Kindern die Basis Kompetenz zu vermitteln, beurteilen zu können, welche Informationen relevant, vertrauenswürdig, weiterführend und vor allem zielführend sind.

Sie gehen davon aus, dass Kinder lernbegierig, neugierig, verspielt und abenteuerlustig sind. Alles Eigenschaften, die für lebendige Kreativität wichtig sind und die traditionelle Schulsysteme in Kindern „abtöten“.

Die Create Schools fördern bei den Kindern den Mut, Dinge auszuprobieren, gesunde Risiken einzugehen, die Fähigkeit eigene und fremde Handlungen zu reflektieren, Probleme kreativ und innovativ zu lösen, Scheitern als Lernerfahrung zu sehen, im Team zu arbeiten und dabei nicht nur sich selbst sondern andere auch wertzuschätzen.

Dafür ist Deutschland mit seinem verkrusteten Schulsystem erschreckend wenig gut aufgestellt. Aber das wurde mir nicht erst nach diesem Vortrag klar.

Year_of_the_monkey

NEIN! Das rechts unten ist kein Penis mit Auge. Es ist die Visualisierung dafür, wie wir von Computern gesehen werden würden. Die Zeichnung stammt aus einem Vortrag  – Space and other frontiers in the future of Human-Computer Interaction – von Paul Chojecki vom Frauenhofer HHI. Er ist Psychologe und beschäftigt sich mit der Mensch / Computer Interaktion.

Wichtige Themen waren in diesem Vortrag die 2D- und 3D-Bildsignalverarbeitung sowie Mixed-Reality-Displays, autostereoskopische 3D-Displays, Informationsmanagement, die Bild- und Videoarchivierung, sowie die berührungslose Mensch-Maschine-Interaktion. So wurde z. B. ein digitales Schaufenster entwickelt, das es PassantInnen ermöglicht, einen hinter der Schaufensterscheibe montierten Bildschirm mit einfachen Gesten zu bedienen. Per Fingerzeig lassen sich digitale Objekte drehen und heran zoomen oder virtuelle Seiten umblättern. Zwei Kameras erfassen dafür Hand- und Fingerbewegungen der NutzerInnen und eine Software wandelt die identifizierten Gesten in Cursor-Bewegungen um und erlaubt es, Display-Inhalte zu steuern. Ähnlich funktioniert das auch mit medizinischen Geräten im Krankenhaus. Die Bildschirmdarstellung passt sich sogar daraufhin an, wie weit der Bedienende weg steht.

 

Die Zukunft ganz analog

In einem Nebenraum konnte man Drohnen selbst fliegen, sich einen 3D Drucker erklären lassen oder sich 3D scannen lassen. Man konnte sich in Tai-Chi üben oder die Zukunft von Jyoti Madeva vorhersagen lassen. Hier traf ich auch die Jungs von Nuisol wieder, die ich schon von der Future Convention in Frankfurt kannte.

 

Ist there sense in humor

Dieses war der nächste Vortrag den ich mir anhörte. Der größte Gegner des Humors ist eine sinnvolle Strategie. Will Rolls, Strategy Director bei Grabarz & Partner vertrat diese Meinung in seinem Talk.

„Allen großartigen Beispielen für tollen Humor fehlt ein strategischer Ansatz“ meint er. Strategisch sei aber genau die Art, mit der Kreative in Agenturen arbeiten müssten. Humor macht keinen Sinn. Punkt. Ihn mit Sinn erzwingen zu wollen mache also keinen war seine Schlussfolgerung. Und dass Humor in der Werbung den meisten Erfolg hat, konnte er mit den erfolgreichsten Spots, die beim Superbowl gezeigt wurden, belegen.

Um also Humor in die Werbung zu bringen, hatte er Tipps parat:

1) Zeit. Zeit um „sinnlos“ rumzuspinnen

2) Die Strategie dabei mal beiseite lassen.

3) Lieber eine lustige Idee mit einem sinnvollen twist, der die Leute dazu bringt sich überhaupt damit zu beschäftigen, als eine sinnvolle Idee mit deren lustigem twist sich niemand beschäftigt.

Ein Beispiel hatte er dazu auch mitgebracht:

 

Neben den Vorträgen am Morgen gab es am Nachmittag Workshops. Ich ergatterte zudem ein privates 1:1 Gespräch mit Peter Burow von Neuropower (Der Inhalt bleibt privat ;)).

Seinen Vortrag The neuroscience of disruption hörte ich mir auch an. Darin kamen zwar keine Affen vor aber dafür Elefanten. Denn essenziell ging es darum, dass – nach dem Psychologen Jonathan Haidt – unser Bewusstsein ein kleiner Reiter auf einem Elefanten (unserem Unterbewusstsein) ist. Der Reiter glaubt, er könne dem Elefanten sagen wo er hingehen soll, doch der riesige Elefant hat einen ganz eigenen Willen. Der Reiter kann ihn nicht in die gewünschte Richtung zwingen aber ihn auf ein Ziel trainieren. Ziel ist es, dass beide zusammen arbeiten. Er vervollständigte damit den Vortrag Digital Ethics: Helping your Brain make decisions online seiner Kollegin Anna Byrne.

Gott sei Dank standen nicht nur überall Gorillas rum, sondern es gab auch an jeder Ecke Bananen. Denn zum Essen kam ich gar nicht. In der Schlange zum Foodtruck lernte ich einen wissenschaftlichen Mitarbeiter kennen, der im Bereich Industrie 4.0 forscht. Es entstand ein interessantes Gespräch, an dessen Ende er mich an die Fachhochschule einlud. Eine Einladung, die ich umgehend annahm. Das Interview erscheint voraussichtlich im Juli hier im Blog.

Mit einem übervollen Kopf hätte ich mich noch gerne beim Australian Barbecue entspannt aber da musste ich leider schon zum Zug.

 

Mein Fazit:

Die Talks waren sehr interessant aber sehr! kurz und es gab so gut wie keinen Raum zum reflektieren über das Gehörte oder eine Diskussion. Also das, was das Ganze wirklich wertvoll gemacht hätte und auf ein nächstes Level gehoben hätte. Zudem waren mir einige Beiträge deutlich zu werbelastig.

Hier sollten sich Vortragende mal überlegen um was es geht: Sich selbst zu profilieren und zu erklären wie toll man sich finden oder um das Publikum, dem sie eigentlich verpflichtet sind wertvolle Inhalte zu bieten, da es für die Veranstaltung immerhin einiges an Geld bezahlt. Hier wurde mal wieder nicht verstanden, dass man Beziehungen zu Menschen nicht aus einer „ich-ich-ich“ Haltung und mit dem Vorschlaghammer aufbaut, sondern die Voraussetzung dafür Empathie für deren Bedürfnisse ist. Aber das wunderte mich nicht wirklich.

Das passende Zitat, das ich an diesem tag hörte ist von Angela Duckworth: „Grit is living a life like it´s a marathon, not a sprint“. Dieses nehme ich mir ganz persönlich von der Konferenz mit, denn genau das haben fast alle Talks für mich widergespiegelt.

Das andere ist von Richard Branson und lautet „My aim in life is to setting myself apparently unimaginable aims. And trying to rise above them.“

Diesen „Wachstums-Mindset“ müssen wir in Deutschland meiner Ansicht nach lernen. Während andere auf der Welt mit einer Beta Version starten und aus Fehlern lernen (siehe mein Artikel „Startup Nation – wie Israel zum Silicon Wadi wurde), wartet man in Deutschland zu oft bis zur Delta Version.

Die Veränderungsprozesse die grade stattfinden sind nichts, was von heute auf Morgen passiert. Und sie finden auf allen Ebenen statt. Das hat die bunte Mischung der Konferenz gezeigt. Dazu braucht man Geduld und die richtige innere Haltung.

Und Mut.

 

 

 

Leave a Reply