Bist du schon normal oder arbeitest du noch dran?

Normal – wie oft einem dieses Wort doch begegnet. Und Alle gehen davon aus, dass „normal“ irgendwie definiert ist und man über das Gleiche redet (was man übrigends NIE tut).

„Kind, warum hast du dir auch keinen normalen Job ausgesucht“ seufzte meine Oma gerne, wenn ich nach einer 60 bis 70 Stundenwoche durch die Tür gekrochen kam. „Bei der Bank vielleicht“.

„Weil ich mich dann mitsamt Kostümchen (dunkelblau, Perlenkette) vom Bankhochhaus geschmissen hätte“ war meine Standard Antwort.

„Ich bin nicht normal“ jammerte ich wiederum mit Anfang 30 einer Freundin vor. Ich war frisch getrennt und bekam Beileidsbezeugungen von Freunden und Familie.

„Definiere normal“ forderte mich meine Freundin auf.

Ich fühlte mich unter Stress durch die Erwartungen meiner Umgebung: „Willst du denn nicht langsam mal heiraten und Kinder kriegen. Wird ja langsam spät dafür oder?“ Du muss doch mal zur Ruhe kommen und Normalität in dein Leben bringen.“

Nein wollte ich nicht. Ich wollte reisen, Abenteuer, mich ausprobieren, was erleben bevor ich irgendwann ins Grab falle. War es normal, mit Anfang 30 nicht das zu wollen, was die meisten Menschen wollen?

Kennst du das? Das Gefühl nicht den Erwartungen zu entsprechen, nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu werden, wilder zu sein oder  stiller oder träumerischer oder kreativer – eben anders – schon als Kind? Gerade dann, wenn man doch unbedingt dazu gehören will. Also lernt man sich anzupassen. Soweit man es kann. Verleugnet das, was einen besonders macht. So lange bis man es vielleicht vergisst. Und als Erwachsener, z.B. im Job geht das fröhlich so weiter. Bis man eventuell irgendwann das nagende Gefühl hat, dass irgendwas fehlt. Aber was?

In der Steinzeit war Durchschnitt = „normal sein“ wohl eine Überlebensstrategie.

Wurde jemand aus der Gesellschaft ausgestoßen, bedeutete das den Tod. Es ist uns also ziemlich eingeprägt bloß nicht aus der Art zu schlagen und es erfordert Mut sich gegen die Konvention zu stellen und aus einer eigenen Haltung heraus Dinge zu entscheiden.

Was ist normal und was nicht?

Eine Freundin brachte mich wieder auf das Thema, da sie sich fürchterlich mit einer Freundin – eine Lehrerin – verkracht hatte, weil sie zu dieser gesagt hatte: „Wir sind alle Mainstream  – normal eben. Wir haben alle einen Job, ein Auto, einen bestimmten Mittelschicht Lebensstandard, Möbel eines schwedischen Möbelhauses mit ev. eingestreutem Originellem, gehen Samstag einkaufen, fahren zwei Mal im Jahr in den Urlaub… usw.“ Die Freundin wies das weit von sich und drohte die Freundschaft zu kündigen. Sie sei keineswegs normal meinte sie.

Alle sind normal aber keiner will es sein. @jeanbouffier click to tweet

Interessant an dem Gespräch war, dass über etwas gestritten wurde, was keiner zuvor definiert hatte. Es hatte auch keiner nach der Definition gefragt. Ein klassischer Fall übr. aus dem Konflikte entstehen. Der Empfänger bestimmt die Botschaft, nicht der Sender. Und keiner hakt nach, was eigentlich verstanden wurde bzw. was gemeint war.

Was ist also normal wenn das so heftige Reaktionen hervorrufen kann?

Das erinnert mich auch an die Zeit, als ich überlegte mit ein Tattoo stechen zu lassen. Weil ich das irgendwie rebellisch fand. Weil ich anders sein wollte. Ein Tattoo war immerhin ein Statement. Mir fiel nur nicht ein, was mein Statement sein könnte. Ich war noch mitten im Prozess herauszufinden welch bedeutsames Tattoo ich mir stechen lassen könnte um cool zu sein und mich abzuheben, als ich Rock am Ring besuchte. Da hatte jeder eines. Alle wollten sich abheben, anders ein. Und erreichten damit nur das Gegenteil. Ich machte also was Originelles und lies es bleiben. Womit ich dann auch wieder normal war irgendwie.

Machen wir etwas weil es normal ist oder ist es normal weil es jeder macht?

Ehrlichkeit gilt als einer der höchsten Werte in unserer Kultur. Sagt aber jemand radikal und ungeschminkt die Wahrheit, wird er schräg angeschaut. Denn eigentlich wird in vielen Fällen eine Lüge erwartet. Normal?

Es wurde jetzt endlich wissenschaftlich bewiesen, dass es ADHS nicht gibt. Kinder wurde der Stempel „unnormal“ und „krank“ aufgedrückt, weil sie schlicht nicht der Norm einer Gesellschaft entsprachen, die alles und jeden am liebsten in Förmchen pressen will und wo jeder zu funktionieren hat. Es gibt 8 Arten von Intelligenzen. In der Schule werden zwei! davon gefördert. Nicht die Kinder sind krank, sondern die Gesellschaft. Individuen, die sich ihrer selbst nicht bewusst sind, weil die Steuerungsprogramme eines jeden Menschen unbewusst ablaufen, die sich selbst begrenzen, weil sie überkommenen Vorstellungen glauben und den Focus auf das Negative im Leben richten, bilden eine Gesellschaft die begrenzt und ausgrenzt.

Wenn sich jemand am FKK Strand auszieht, gilt das als normal. Stellt er sich auf die Straße und macht das, eher nicht. Steht jemand in einer Konferenz auf und zieht sich aus, wird er eingewiesen. Unnormal heißt also einfach, dass etwas statistisch selten ist, aus dem Durchschnitt raus schlägt. Normal bildet schlicht die größte Schnittmenge von gleichem Denken oder Verhalten in einer Gesellschaft. Da sich Normen in der Gesellschaft durch die unterschiedlichsten Einflüsse – z. B. geistig, politisch, wissenschaftlich, modisch – permanent verändern, verändert sich auch permanent, was normal ist. Nacktfotos in öffentlichen Medien, Punks mit pinkfarbenen Haaren usw. wären vor 100 Jahren noch unnormal gewesen.

In der Medizin wird bei der idealen Dosis für Medikamente der Durchschnitt aus einer bestimmten Anzahl Probanden berechnet. Nicht nach dem, was ein bestimmter Mensch braucht. Das ist dann rein statistisch die „normale“ Dosis.

Ähnlich läuft es bei Menschen.

Gefühle drückt man in Deutschland eher still und leise aus. Man stelle sich eine Gruppe kreischende, heulende und Haare raufende Frauen auf einem deutschen Friedhof vor. Im Orient ist das normal.

Menschen trinken lieber Alkohol und stopfen sich mit Tabletten voll wenn sie Krisen haben. Weil das gesellschaftlicher immer noch anerkannter ist, als zu einem Therapeuten oder einem Coach zu gehen. Menschen die unterdurchschnittlichen oder überdurchschnittlichen IQ haben, fallen meist gleichermaßen auf, weil sie am Rand des großen Durchschnitts liegen.

 

Kulturen haben gesellschaftliche Richtlinien und wenige akzeptierte Standards nach denen geurteilt wird wer und was normal ist. @jeanbouffier click to tweet

 

Wer davon abweicht fällt auf und aus der Norm und gilt bestenfalls als exzentrisch oder Spinner. Die überwiegende Mehrheit an genialen Wissenschaftlern, kreativen Künstlern oder anderen Menschen, die das Zeitgeschehen maßgeblich beeinflussten, waren oder sind in gewisser Weise Exzentriker.

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Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit – Aristoteles @jeanbouffier click to tweet

Als sich die Partei, die Grünen gründeten, waren sie Ökospinner. Bis die Menge derer, die ihnen folgte, eine kritische Masse überschritten hatte. Die meisten Einstufungen, dazu was „normal“ ist, sind nichts als Meinungen von Menschen, die durch die unterschiedlichsten Dinge geprägt sind. Menschen werden „abgeglichen“ zu ihrem Umfeld und dessen Standards. Die Meinung darüber, ob jemand normal ist, wird also von den Durchschnittlichsten vor Ort gefällt. Je eingeschränkter das eigenen Blickfeld, desto schneller wird jemand als nicht ganz normal abgestempelt. Normen und Regeln sind in gewisser Weise wichtig in einem kleinen Land mit 80 Millionen Menschen. Aber eine Gesellschaft, die nur aus durchschnittlich handelnden und denkenden Menschen besteht, ist auf Dauer nicht überlebensfähig. Was passiert, wenn Angepasstheit aus dem Ruder läuft, hat die Geschichte gezeigt.

Und oft ist es schlicht Neid, der Menschen dazu veranlasst andere als verrückt abzustempeln, weil sie sich etwas trauen, was nicht der Norm entspricht oder außerhalb der Komfortzone der Urteilenden liegt.

Das was einem die Medien permanent als Realität um die Ohren gehauen wird, ist nicht die Realität und auch nicht die Normalität. Es ist das, was ein kleiner Teil der Menschen – der aber Massen damit beeinflussen kann – dafür hält.

Als ich mich mit einem Freund darüber unterhielt, drückte er mir ein Buch in die Hand, mit dem Titel:

Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen.

Was wir brauchen sind ein paar verrückte Leute; seht euch an wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Eine sehr interessante und lustige Lektüre, die einen stellenweise ganz schön schlucken lässt, weil man sich ein wenig ertappt fühlt und weil sie beängstigend ist. Nicht wegen der psychisch Kranken, sondern zu welchen Schlüssen er über die „Normalen“ kommt. Die These von Bestsellerautor Manfred Lütz: »Um die Normalen zu verstehen, muss man erst die Verrückten studiert haben.« Seine »Gebrauchsanweisung für außergewöhnliche Menschen und die, die es werden wollen« ist ein Muss für alle, die sich für die Merkwürdigkeiten der menschlichen Seele interessieren.

Das Buch ist eine scharfzüngige Gesellschaftsanalyse und zugleich eine heitere Einführung in die Seelenkunde. Was ist Depression, Angststörung, Schizophrenie? Wie definiert man Sucht und Demenz?

Und vor allem aber weiß man am Ende des Buches, warum für eine Gesellschaft die große Gefahr von der Masse der Normalen ausgeht. Die, die nichts in Frage stellen, die Normen als gegeben hinnehmen, die nicht auffallen wollen, die sich anpassen an die grade populäre Meinung oder die erst eine Meinung kundtun, wenn sich genug Masse mit der gleichen Richtung gebildet hat, in der sie nicht auffallen. Die Mitläufer.

Von Panizza stammt der Satz: „Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft.“

Albert Einstein sagte: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche (Normale) zu versuchen und ein anderes Ergebnis zu erwarten.“

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Das hat wie gesagt die Geschichte gezeigt und ist grade wieder sehr aktuell. Dazu muss man nur mal einen Blick in die Kommentare bei Online Beiträgen zum Thema Flüchtlinge werfen.

Ich denke, wir sollten für jeden, der der Durchschnittsmeinung nach nicht „normal“ ist, der bunte Haare hat oder einfach nur ein Querdenker ist oder ein Spinner – nur weil er sich etwas traut, was sich vorher keiner getraut hat – dankbar sein.

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Also kann „zu normal“ Probleme bereiten aber auch das Gegenteil.

Die Buddhisten z.B. vergleichen sich nicht mit Anderen. Man gerät dadurch nämlich ganz schnell in Krisen. Andere sind besser, schöner, reicher, schlauer, witziger, schneller, belesener, erfolgreicher usw.

Wenn du – wie ich auch ich immer mal wieder – in solche Krisen gerätst, hat das meist damit zu tun, dass du nach Normen lebst, die dir anerzogen wurden und denen du versuchst gerecht zu werden um „normal“ zu sein. Obwohl sie dir nicht entsprechen.

Welche Krise dieser Art hast du schon mal erlebt?

Diese Krisen sind die großen Chancen.

Jeder Mensch ist etwas Besonderes, das zeigt sich aber weniger im Äußeren, als im Inneren. Jeder hat seine eigenen Geschichte und eine einzigartige Persönlichkeit. Dazu braucht man kein Tattoo. Nur den Mut das herauszufinden.

Statt dich permanent anzupassen, finde lieber heraus, was dich ganz besonders macht und unterscheidet. Je klarer du dir selbst darüber bist, desto weniger bist du von außen beeinflussbar und gerätst durch die Ansprüche Anderer weit weniger in Stress. Und da es schwierig ist unbewusste Denkmuster selbst herauszufinden – das ist die Krux mit dem Unbewussten – kann es Sinn machen, sich dafür jemanden zu suchern der die Suche begleitet.

Wenn du dich, lieber Leser also grade nicht für ganz normal hälst. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH.

Und du bist vielleicht grade auf der Spur dessen, wer du wirklich bist und was DEIN Maßstab für dein Leben ist.

Das sollte eigentlich völlig normal werden. 😉

 

Warum dich das vielleicht sogar zu einem Mitarbeiter oder Führungskraft macht, die die Zukunft deines Unternehmens sichert, kannst du im nächsten Artikel lesen.

Unterschrift

 

 

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