Prokrastinieren – mein Unwort des Jahres 2015

Prokrastinieren – mein Unwort des Jahres @jeanbouffer click to tweet

Schon deswegen weil ich die richtige Schreibweise googeln musste, obwohl ich mich sonst eher selten in der Orthographie verheddere. Ich will immer kastrieren schreiben… Freud würde sich freuen. Ich verwette meinen Allerwertesten, dass keiner der das hier liest schon mal ernsthaft prokrastiniert hat. Jedenfalls nicht ohne schlechtes Gewissen. Es kokettiert aber jeder damit. Vollzeitberufstätige Mütter mit Kindern und Dackel, Mann und Wellensittich oder schwer arbeitende Führungskräfte allen voran. Wie sollen die je prokrastinieren? Also so richtig mit dramatischen Folgen? Denen würde das Leben, das getaktet ist wie Kim Jong Un´s Militärparaden, doch sofort implodieren. Und sie würden nicht im Burnout enden.

Prokastinieren bedeutet laut Wikipedia: Aufschieben, Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung oder Handlungsaufschub ist das Verhalten, als notwendig aber auch als unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen…

Das Verb prokrastinieren bedeutet „aufschieben“…

…, „vertagen“ und meint das unnötige und hinderliche Verschieben von wichtigen Aufgaben oder Vorhaben auf einen späteren Zeitpunkt.

Da ausdrücklich nicht das legitime Vertagen aufgrund äußerer Umstände gemeint ist, sondern eher aus Bequemlichkeit oder fehlendem Überblick und daraus resultierender erdrückender Komplexität der Aufgabe, hat der Begriff einen entsprechend negativen Beiklang. Der Begriff leitet sich aus dem lateinischen procrastino (vertagen) ab, zusammengesetzt aus pro– (für) und cras (morgen), bzw. crastinum (der morgige Tag). Wichtige Aufgaben zu prokrastinieren ist nicht nur unter Schülern und Studenten ein beliebter Volkssport, sondern auch unter der arbeitenden Bevölkerung weit verbreitet. Und wenn es wirklich so dramatische Folgen haben kann:  Vielleicht schiebt ein Student das Lernen so lange auf, weil das Studium ihn nicht wirklich glücklich macht. Vielleicht sind die Folgen manchmal gut so.

Wenn wir wie James Bond wären…

…und eben mal einen nuklearen Sprengkörper entschärfen zu müssen, weil das Heil der Menschheit davon abhängt, dann WÜRDEN WIR DAS TUN und die Steuerpapiere dafür liegen lassen. Wirklich, wirklich Wichtiges tun wir. Und so lange bei den Konsequenzen des Aufschiebens keiner an Leib und Leben zu Schaden kommt, ist es doch noch alles tutti.

OK, gut, im Job verstehe ich die Aufregung ja noch. Da hängen Andere dran, der Erhalt der Firma, nicht zuletzt der eigenen Job.

Aber privat? Wenn wir uns mal erholen, ist das doch auch wieder mit nützlicher Absicht verbunden: „Klar nehme ich mir auch Auszeiten, dafür lasse ich auch mal was liegen, …..das muss ja sein um gesund zu bleiben.“
Rechtfertigend sagen wir uns: „Yoga tut mir total gut. Da komme ich mal zur Ruhe, dafür gehe ich auch früher aus dem Büro weg und schiebe Arbeit auf……danach bin ich so erholt, da kann ich glatt noch mal 10 Stunden arbeiten“. Ist das nicht irgendwie:

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»Meine italienische Großmutter pflegte zu sagen: Manche Menschen verlassen den Strand erst, wenn ihnen das Wasser bereits an den Hintern klatscht. Und was tun wir? Wir helfen ihnen und verrücken das Handtuch für sie. Das bedeutet, dass wir es vielen erst ermöglichen zu prokrastinieren. Wir lassen sie davonkommen.«
– Joe Ferrari (2007), Psychologe an der DePaul University in Chicago.

Selber Schuld sag ich da mal. Das hat was damit zu tun, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und Grenzen zu setzen. Das kann man lernen.

Prokastinieren ist gesellschaftlich also so, als würde dich einer in einem Sadomasokeller ertappen…

…wo du dich grade lustvoll auspeitschen lässt. Das Wort hört sich auch ein bisschen so an. Anstatt dass du einfach mal eben eine faule Socke bist und lieber was machst, was grade mehr SPAß macht. 90% unseres Tages bestehen aus Pflicht. Wenn wir nicht grade unsere Berufung gefunden haben und ohnehin tun was wir lieben, schieben wir nämlich die SCHÖNEN DINGE des Lebens auf.  Viel zu oft. Viel zu lange. Wir sind nur ein Mal hier. Das ist kein Probelauf. Es ist ok mal den Krempel aufzuschieben der lästig ist. Aber wir schieben auch viel zu oft das auf, was das Leben lebenswert macht. „Wenn ich erst genug Geld habe dann…, wenn ich den Garten auf Vordermann hab dann, wenn ich Karriere gemacht habe dann…wenn die Kinder erwachsen sind dann …, wenn ich in Rente bin…, irgendwann dann…“. Was aber, wenn das irgendwann nicht kommt?

Wir schieben doch weit mehr von dem auf was Spaß macht, zugusten dessen, was grade erledigt werden „muss“.

Als ich fast 2 Jahre ausgestiegen war, brauchte ich 3 Monate um nicht mehr auf die Uhr zu gucken weil ich Zwangsvorstellungen davon hatte, irgendwo doch irgendwas TUN zu müssen. Tat ich ja auch. Ich erholte mich von den Monaten, in denen ich 70 Stunden pro Wochen gearbeitet hatte. Als ich dann später auf einer Farm lebte, schrieb ein Freund: „Also mal so gar nichts tun, so wie du, fände ich auch mal toll.“
Lustiger Weise empfand ich das ebenfalls so. Dabei stand ich um 6 Uhr auf, briet dutzende Spiegeleier für Touristen, die auf dem Trekking Ritt ihre Verpflichtungen vor sich her schoben Urlaub machten, sattelte Pferde, baute Camps ab und auf, zog Zäune. Aber ich empfand die Arbeit nicht als Arbeit, weil ich tat was ich liebte und mir Spaß machte. Ich schob sesshaft werden, heiraten und  Kinder kriegen auf oder lies es gleich ausfallen. Fand ich super.

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Das war zu einer Zeit als ich kein anderes Problem im Leben hatte, als anzustreben beim Rülpsen VEGEMITE sagen zu können (im Australischen Busch sehr beliebt. Eine Art Volksport sozusagen. Das Zeug auch. Es sieht aus wie Schmieröl mit Kräutern und schmeckt auch so). Was schon daran scheiterte, dass ich selbst als Deutsche nicht genug Bier trinken konnte (und wollte) um das tun zu können. Ich glaube meine Staatsbürgerschaft wurde deswegen sogar eine Weile angezweifelt. Und es war großartig mal nur sinnlos Spaß zu haben lediglich solche Probleme zu haben. Ich schob Alltag und langweiliges Einerlei und offensichtlich Manieren gesellschaftliche Zwänge aus meinem alten Leben so ausgiebig und gut auf, wie ich nur konnte.

Es war GROSSARTIG mal nicht das zu tun was von einem erwartet wird. SOFORT und GLEICH.

Aktuell prokrastiniere ich das Abnehmen. Schiebe ich immer wieder auf. Ich könnte mir jetzt das Netzwerkkabel als Geisel über den Rücken peitschen deswegen. Stattdessen habe ich – die schwungvollere Figur nutzend – figurbetonte 40er Jahre Kleider gekauft. Alles hat zwei Seiten und man muss nur was draus machen. Die Monroe war in so was jedenfalls eine Wucht. Ich nicht ganz so aber definitiv kein klappriges Knochengerüst an dem man ein Kleid aufgehängt hat. Bei aller erweiterter Weiblichkeit werde ich aber wieder ein paar Kilo abnehmen. Etwa die Hälfte. Aber das schiebe ich noch auf. Bis das Minenfeld aus Christstollen und Plätzchen geräumt ist. Hoffentlich ohne dass ich vorher explodiert bin.

Schlimm ist doch meistens nicht das Aufschieben, sondern unser permanentes schlechtes Gewissen.

Was ist an öfter mal Aufschieben so schlimm? Ich hab den Alltag genau genommen  2 Jahre aufgeschoben. Es hat weder den Weltfrieden gefährdet, noch die Finanzkrise ausgelöst und gestorben ist auch keiner. Am wenigsten ich. Womöglich habe ich damit sogar verhindert den Löffel irgendwann vorzeitig abzugeben. Sozusagen den Tod prokrastiniert. So doof ist das Wort gar nicht, merke ich. Kommt nur auf den Kontext an.

ÜBUNG:

Prokrastiniere etwas mit voller Absicht um etwas zu tun, was SPASS macht – und zwar völlig ohne schlechtes Gewissen!

Es ist schließlich Weihnachten!

Und bald Neujahr. Zeit der guten Vorsätze, die man dann prima…

 

Denn wie schon Scarlett sagte:

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Unterschrift

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