Alltagskarussell. Hält irgendwie nie an. Du hast die Nachrichten gelesen. Mord und Totschlag überall. So scheint es. Das ist aber nicht so. Das weiß du. Es gibt genauso viel Positives wie Negatives in der Welt. Wahrscheinlich sogar mehr. Trotzdem glaubst du kurz an die Gaukelei, lässt dich davon runterziehen. Bewusst streifst du das wieder ab wie einen schweren Mantel, der dich unter Wasser zu ziehen versucht. Strengt an, das krampfhafte positiv bleiben. Soll aber gesund sein und glücklich machen. Also strengst du dich an positiv zu sein. Hat dir aber keiner beigebracht. Gelernt hast du negativ zu denken. Über dich, über Andere, über den Zustand der Welt. Also weniger Zeitung lesen. Hebt die Laune. Aber dann ist man desinteressiert und ungebildet und kann nicht mitreden. Egal. Man sollte überhaupt mehr tun statt zu reden. Gutes am Besten. Sozial engagieren. Mehr laufen, weniger Auto. Mehr Kante denen zeigen, die mit dem Köter für 1000 Euro zum Tierarzt und Schnitzel aus Massentierhaltung essen aber über die Flüchtlinge meckern weil die so viel kosten. Das mit dem Hund ist ja ok aber der Rest…Aber tolerant willst du doch auch sein. Die sollten das also dürfen dürfen. Bisschen scheinheilig ist das schon. Geht ja auch nicht jedem so gut wie dir selbst. Und mal ehrlich. Du gehörst zu denen, denen es – objektiv und von außen betrachtet – auch gut geht. Auto, iphone, Kreditkarte zu einem Konto auf dem sogar regelmäßig ordentlich was drauf ist.

Darfst du überhaupt noch ohne schlechtes Gewissen existieren …

…wenn es 80% der Menschheit schlechter geht als dir und du dir sauteuer Klamotten kaufst, die aus Fabriken kommen, in Ländern, wo Leute keine 20 Euro im Monat verdienen? Obwohl das Glück ja nichts mit Geld zu tun hat ab einem bestimmten Punkt hast du gelesen. In ärmeren Ländern sind die oft viel glücklicher weil sie Zeit zum LEBEN haben. Würdest du auch aber um wieder „echt“ zu leben auf die Krankenversicherung und die zweimal im Jahr Urlaub verzichten? Vielleicht mal probeweise. Aussteigen für eine Zeit. Aber das geht ja nicht. Dazu hast du zu viele Verpflichtungen. Gut kann man viel von loslassen aber was genau ist die Alternative? Wenn´s dann nicht gefällt? Kriegst du das dann alles wieder zurück? Du hörst auf weiter zu denken. Wo kämest du da womöglich hin? Aus der Komfortzone? Also einfach weniger Fleisch und mehr Gemüse. Das ist umsetzbar. Eh so viel zu tun. Also lieber auch mal wieder einen schönen Schmöker lesen. Zum Entspannen. Oder doch eher was Berufliches. Weil – bringt ja mehr. Aber wolltest du nicht auch mehr tun was dir Spaß macht? Also doch lieber einen Schundroman.

Da muss man auch mal zu stehen.

Überhaupt zu sich selbst stehen. Auch so ein Thema um das du dich mal kümmern wolltest. @ jeanbouffier click to tweet

Manchmal fragst du dich ja ob die ganzen Ansichten eigentlich deine sind. Ist es eine internationale Verschwörung die die Medien manipuliert, damit keiner aufmuckt – also Smartphone & Facebook & Twitter = Opium für´s Volk? Oder waren es doch deine Eltern? Die waren es ja meistens. Wie die wolltest du ja nie werden aber du hast eine Menge von denen übernommen. Was ist gut davon und was nicht? Was sind deine Werte. Was ihre? Woher kommt grade der ganze Wust im Kopf? Einfach mal abschalten. Mal nicht denken. Wir haben Angst vor dem Terror draußen aber was ist mit dem drin? Mal vor dem Terror im Kopf wegrennen wenn er zu viel wird. In etwa so:

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„Ja gut, kann ich machen“ denkst du. Bisschen mehr Achtsamkeit wäre gut. Aber erst noch die E-Mail fertig schreiben und dann kurz in die Wetter App gucken ob es Morgen regnet oder man endlich mal den Rasen mähen kann. Später kurz noch beim Baumarkt vorbei und Dünger kaufen wegen der leprösen Stellen im Vorgarten. Manchmal wünschst du dich in eine Wohnung zurück, schließt man ab und muss sich um nix kümmern. Aber dafür hast du jetzt schöne Natur. Von wegen. Schnecken im Garten. Mistviecher.

Also auch Schneckentod kaufen.

Aber geht das oder schadet die Chemie wieder den Bienen? Vielleicht gibt es da was Biologisches. Aber das muss man wahrscheinlich wieder aus handgesammelter Pinguinkacke für hundertundwasnich Ökken pro Gramm per Hand selbst zusammen klöppeln und jeder Schnecke persönlich mit dem Teelöffel verabreichen. Wer hat schon die Zeit? Über was denkst du eigentlich grade nach? Muss vom Rotwein kommen gestern. Da bist du am Tag drauf immer unkonzentriert. Siehste…weniger trinken wolltest du auch. Obwohl kürzlich war da doch dieser Artikel, dass ein Glas Rotwein am Tag 2 Stunden Sport ersetzt. Du wartest seitdem noch auf die Entdeckung dass eine Tafel Schokolade – weil Kakao am Baum wächst – 2 Kilo Gemüse ersetzt. Aber für Wichtiges gibt´s ja nie Forschungsgelder. Kennt man ja. Dafür werden wieder unsinnige Flugplätze in Berlin bauen. So viel Schwachsinn in der Welt. Puhhhh. Wie kamst du da jetzt drauf? Muss wirklich der Rotwein gestern gewesen sein. Was du alles zu tun und zu erledigen hast. Im Job, Zuhause, das Kind, Partner/in, der Garten, deine 5 Kilo zu viel, wegen denen du Sport machen solltest. Wobei „sollen“ ja wieder die falsche Formulierung ist. Du sollst doch immer „wollen“ sagen, weil sich das gleich besser anfühlt.

Verdammt schon wieder „sollen“ gesagt.

Und eigentlich ist das mit dem Sport doch auch wieder falsch weil du dich doch selbst lieben sollst – so wie du bist. @jeanbouffier click to tweet

Schon klar aber es kotzt dich trotzdem an in dem Fummel, in dem du letztes Jahr noch gut ausgesehen hast, jetzt zu wirken wie eine adipöse Made die grade 20 Snickers verdrückt hat. Wenn man buddhistischer Mönch ist, der das erfunden hat, mag das in den Wallegewändern wohl noch angehen. Die kaschieren. Eh von Vorteil. Du musst dir morgens nicht überlegen was du anziehst. Oranges Tuch oder oranges Tuch. Bisschen wie Angela Merkel. Grünes Jackett oder rotes Jackett? Aber da hört der Vergleich wohl auf. Obwohl – da die deutsche Politik Veränderung gemächlicher bewältigt als eine querschnittsgelähmte Schnecke (an Schneckentod denken!), ergeben sich da schon wieder Parallelen zum Buddhismus. Zumindest was so unerschütterliche Ruhe angeht….Aber da hast du wohl was falsch verstanden. Gelobt sei das Halbwissen. Man kann überall mitreden und sich dann rausreden mit „so genau sei man ja auch nicht informiert gewesen“. Wo warst du gedanklich gleich noch? Ah ja. Das Karussell das nie anzuhalten scheint. Gedanken die durch den Kopf jagen, wie Eichhörnchen auf Speed.

Pharmaindustrie in der Krise: Achtsamkeit statt Valium @ jeanbouffier click to tweet

Du verlegst doch so oft Dinge. Wieso eigentlich nicht mal dein Kopf, fragst du dich.

Dann wärest du mal nur Körper und Gefühl ohne gleich zu denken „Mist… wo hab ich den jetzt wieder liegen lassen? Da war doch so viel Wichtiges drin über das ich noch kurz nachdenken….“

Das Karussell namens Leben oder namens Kopf? Aus dem du kurz mal abspringst und von außen guckst. Und da ist es auch nicht richtig ruhig weil du gleich mit schlechtem Gewissen denkst: „Scheiße, das Ding dreht sich weiter und ich bin nicht dabei“. Statt froh zu sein mal runter zu sein. Dich umzusehen was es noch gibt, die Farben klar zu sehen, die Umrisse, das was da ist. Mal nicht verzerrt von der Geschwindigkeit mit der alles sonst vorbeirast. Und dann denkst du dass du vielleicht mal die Übungen zur Achtsamkeit machen solltest, an denen der netten Frau aus dem Blog so viel gelegen zu sein scheint. Die hat ja offenbar auch ein bunt rumtobendes Hirn, sonst hätte die den Text gar nicht schreiben können. „Und wenn die das auch nicht immer so super hinkriegt, muss ich mich schon mal nicht unter Druck setzen das auch wieder total super machen zu müssen – wie praktisch alles im Leben.“ Denkst du. Und dabei auch nicht so aussehen musst als sei immer alles total super:

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Ja, sag ich. Es hilft das Karussell zu betrachten und merken. Eigentlich ist es eine Illusion. Es dreht sich aber einholen wirst du es nie. Du bist ja genauso schnell unterwegs. Jedes Mal wenn du wieder aufspringst hast du nicht wirklich was verpasst. Trotzdem glaubt man das immer.

Manchmal muss man einfach abspringen. Was uns abhält ist Angst. Die in Deutschland – und für dich als Leser dieses Blogs – fast immer unbegründet ist. Du bist ja intelligent. Denn anscheinend liest du lieber Blogs als DSDS zu gucken.Da findet sich immer was jobmäßig. Ich hoffe jetzt allerdings inständig, dass du den intellektuellen Anspruch hier höher findest und nicht nur das Ganze witziger. (Was aber AUCH sein darf).

Eine Freundin stieg kürzlich– etwas blass um die Nase (in ihrem Fall eine Kunst–sie ist Inderin – aber sie hat es geschafft) – in mein Auto ein und meinte “Ich hab grade meinen Job hingeschmissen.“ Sichtlich noch unter dem Schock ob der eigenen Chuzpe.

„Ist das gut?“ fragte ich.

„Ja!!“ kam die spontane Antwort…dicht gefolgt von „OH MEIN GOTT ICH HABE KEINEN JOB!!!!!!!!! Bin ich bekloppt? Was hab ich getan? Ich finde bestimmt keinen mehr und wir ziehen bald um und die Möbelanschaffung und ich kann mich dann gar nicht bewerben und…“ Und dann ging es los, das Kopfkarussell…vom Hundertsten ins Tausendste. Kennen wir alle.

Ich musste sehr darum ringen mimisch zu wirken, als sei ich Zeugin eines Zugunglücks, statt in Lachen auszubrechen.

Meine Freundin ist nämlich in einer Branche, die sich mit digitalem Krempel beschäftigt. Wer sie als nächstes anheuert, hat also – in Zeiten der Digitalisierung – das Gefühl, in einem Second Hand Shop unter abgelatschten Tretern ein paar Manolos entdeckt zu haben. In der richtigen Größe. Neu. Für 20 Euro.

Für Männer: In einer Gebrauchtwagenbuzze einen alten Chevy mit Flügelheck zu finden. Babyblau. Nur wenig zu restaurieren. Für 3000 Euro.

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Meine Freundin hatte objektiv also kein Problem Die Entscheidung die sie aus dem Bauch getroffen hatte war stimmig und gut. Das Problem ist dass sie es nicht gewohnt war vom Karussell runter zu sein, mal NICHTS zu tun. Dass sie sich von ihren Ängsten und Emotionen herumjagen ließ. Dass nicht die Situation bedrohlich oder beängstigend war, sondern ihre Gedanken darüber. Weil sie ihnen geglaubt hat. Einer führt da unkontrolliert zum Nächsten. Was ziemlich deutlich zeigt: das Karussell findet weniger im Außen statt, als in uns drin.

Wenn du also Kind, Rind, Hund, Haus und Hof hast und denkst: Klugscheißer…die kann ja einfach schreiben: „Spring halt mal ab vom Alltagskarussell…wie soll das gehen? Geht so nicht!“ Verstehe ich. Umso wichtiger ist es DICH auf dem Karussell stoppen zu können. Innerlich mal anhalten zu können.

Ich sitze auch wieder auf einem Karussell. Dieses mal hab ich es mit selbst gebaut. Und es dreht sich schnell. Aber mit Achtsamkeit kann ich zur Ruhe kommen während der Fahrt. Und bewege mich trotzdem noch mit.

Falls du noch nicht dazu gekommen bist den Gedankenscanner (optimal) anzuwenden oder den wahnwitzigen Entschluss gefasst hast mit Meditation anzufangen, ist hier eine kurze Anleitung für dich, wie du das innere Karussell im Alltag kurz anhalten kannst:

Schnelle Achtsamkeitsübung für zwischendurch: „Weicher Blick“ @jeanbouffier click to tweet

ÜBUNG „Weicher Blick“
Setze dich auf einen Stuhl, die Hände locker auf den Oberschenkeln. Suche dir einen Punkt im Raum den du fixierst. Versuche gleichzeitig auch deine beiden Hände wahrzunehmen und den Raum um dich rum. Dein Blick wird dabei „weich“. Und das Gehirn ist damit so beschäftigt, dass es eine Weile keinen unheimlich wichtigen Unsinn denken kann.  Das kann man gut im Auto oder im Büro oder auf einer Parkbank mal zwischendurch machen.

Falls ein Glas Rotwein dabei hilft. Das ersetzt bekanntlich 2 Stunden Sport und der erdet auch.

😉

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