Warum uns Unverletzlichkeit verletzlich macht

Die Idee zu diesem Artikel kam mir vor einer Weile durch eine Freundin, die eine kleine
Tochter hat. Wir lachten sehr, als ich ihr von einem grandiosen Kurzfilm erzählte, den ich beim Shorts at Moonlight Festival über Teenager gesehen hatte (Ausschnitt) und wir stellten uns vor wie die Kleine in dem Alter sein würde.

Plötzlich schlug die Stimmung meiner Freundin um und sie erzählte mir, dass sie sich ständig Sorgen darüber macht, was dem Kind alles passieren könnte. Jetzt und als Teenager erst recht: Autounfall, Komasaufen, ungewollte Schwangerschaft, Drogenmissbrauch. Ihre Phantasie Horrorszenarien zu entwickeln war bemerkenswert.

Ich fragte sie, wie sie sich denn damit fühlt, wenn sie sich das alles vorstellt?
„Mies“, war die Antwort.

Was kein Wunder ist. Ständig das Schlimmste anzunehmen und sich schützen zu wollen, führt zu einer fatalistischen Lebenseinstellung, die dir jede Lebensfreude nimmt.

Wir haben die Entscheidungsfreiheit, ob wir uns die Zukunft schön oder schlecht vorstellen

Das einzige was sicher ist, ist dass nichts sicher ist. Das will aber keiner hören.
Es ist in Ordnung vorzusorgen. Die Natur hat uns mit einem komplexen System ausgestattet, mit dem wir Gefahr erkennen und uns schützen.
In unserem Land ist das Sicherheitsbedürfnis aber aus dem Ruder gelaufen.

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen. (Epiket) @jeanbouffier click to tweet

Viele Menschen verbringen die meisten Zeit ihres Lebens damit sich und ihre Umwelt abzusichern und unverwundbar zu machen. Unverletzlichkeit ist das Ziel und dafür ist es nie genug.

Es ist nie gut genug, nie sicher genug, nie perfekt genug, nie besonders genug, nie erfolgreich genug, nie glücklich genug…

Und das macht mit Sicherheit eins: unglücklich.

Verletzlichkeit wird oft mit Schwäche gleichgesetzt. Sie ist im Gegenteil eine große Stärke. @jeanbouffier click to tweet

Verletzlichkeit ist zwar der Kern von Angst und Schuld aber auch der Ursprung von Liebe, Freude, Kreativität, Annäherung, Zugehörigkeit und Vertrauen.
In meinem Workshop zu empathischer Kommunikation erwähne ich, dass man Vertrauen nur bekommt wenn man es gibt. Dass man nur, wenn man etwas von sich selbst preis gibt auch vom Anderen etwas zurück bekommt.

Was wir denken, manifestiert sich in unserem Leben

Große Denker und Philosophen haben das immer wieder gesagt. Unser Leben ist das Abbild unserer Gedanken.
Ich habe das lange genug ausprobiert. Im Positiven – und viel zu lange im Negativen –  um zu wissen dass es stimmt.
Ich musste erst die Muster hinter meinem Verhalten auflösen, um anders handeln zu können.

Ein Beispiel:
Ich hatte einen Klienten gewonnen und wollte das feiern, als prompt jemand um die Ecke kam und meinte „Freu dich nicht zu früh, der hat ja noch nicht unterschrieben.“ Meine ganze Freude und positive Energie war schlagartig weg. Es hat eine Weile gedauert mich davon zu erholen und mir eine Vision von dem Moment zu machen, in dem dieser Klient unterschreibt und doch zu feiern. Denn alles was eine positive Haltung unterstützt ist gut. Wäre es schief gegangen, hätte der Sekt vorher trotzdem gut geschmeckt. Es ist wichtig auch die kleinen Erfolge zu feiern auch wenn es „nur“ Teilerfolge sind.

Man kann das beliebig ausdehnen. Die Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina scheitert mit an dem Versuch maximal unverletzlich zu sein. Die Menschen die gewillt wären den Schild zu senken und die Hand hinzustrecken, werden zudem vermutlich am Extremismus scheitern. Denn Verletzlichkeit ohne Vertrauen und Glaube, endet im Extremismus. In totalen Abgrenzung.

Unser Schutzschild ist oft kein Schutz mehr. Er ist ein Panzer geworden, unter dem wir unbeweglich sind

Kinder dürfen nicht mehr auf Bäume klettern weil das nicht versichert ist. Wenn eine Schafherde in einen Tunnel läuft (was vorher nie passiert ist) wird nach der Einzäunung aller Bahntunnel verlangt. Verursacht ein Pilot der wegen Depressionen in Behandlung war, ein Flugzeugunglück (was vorher so noch nie passiert ist) werden massive Kontrollen verlangt. Kippt sich in den USA jemand heißen Kaffee über (Kaffee ist heiß…ach was?) muss auf jedem Becher stehen, dass Kaffee heiß ist.

Es ist keine Frage ob das richtig oder falsch ist, sondern eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Alles was wir haben und mit unserer Versicherungswut sichern wollen, muss bezahlt werden. Dafür müssen wir mehr arbeiten. Je mehr wir haben, desto größer wird die Angst vor dem Verlust. Desto mehr wollen wir optimieren und perfektionieren.
Menschen performen um nur ja nicht zu versagen. Sogar in gesunder Lebensweise wird performt bis der Stresspegel alles andere als gesund ist.

Das Schlimmste ist:
Unsere Instinkte schlafen ein. Wir sind wie Zootiere. Gut gefüttert und bequem in Sicherheit hinter Gittern, die wir selbst errichtet haben. Wir werden taub gegen unsere Gefühle und büßen ein, uns wirklich lebendig zu fühlen.

Wann ich mich daran erinnere wann ich mich am lebendigsten gefühlt habe, dann war das wenn ich keine totale Sicherheit hatte.
Es war als ich in Guatemala –  nachdem mein Freund und ich überfallen worden waren – an den Anhänger einen Öltanker geklammert, 2 Stunden in die Stadt zurückfuhr, weil Taxis und Busse streikten.
Es war als ich zum ersten mal eine wichtige Präsentation hielt, vor der ich eine riesen Angst hatte.
Es war als ich im Job meine Meinung sagte, obwohl alle Chefs eine andere hatten.
Es war als ich mich auf jemanden einließ, von dem ich wusste, dass er ins Ausland gehen würde.
Es war als ich in Australien einen großen Brahman Bullen auf eine andere Weide treiben sollte, der sich plötzlich rumdrehte und mit gesenkten Hörnern auf mich und mein Pferd zuschoss. Den Adrenalinschub werde ich nie vergessen.

Ich würde diese Erlebnisse um keinen Preis der Welt eintauschen wollen. Denn sie haben mir meine Kraft bewusst gemacht Situationen zu meistern, vor denen ich vorher weggerannt wäre.

Wir versuchen uns mit Perfektionismus vor Verletzungen zu schützen

Vor Misserfolg, Ablehnung, Kritik, Urteil und Verlust.

Wir schauen nicht auf das was wir haben, sondern auf das, was wir NICHT haben und was wir eventuell nicht mehr haben KÖNNTEN. Wir jagen etwas hinterher was nicht zu erreichen ist und verpassen dabei unser Leben.
Denn leben kann man nur im Hier und Jetzt. Glücksgefühl stellt sich sofort ein, wenn wir dankbar sind. Zum Beispiel dafür…

… in einem Land zu leben in dem Frieden herrscht
… 2 gesunde Beine zu haben um Laufen zu können
… ein Sozialsystem, das uns auffängt wenn mal was schief geht
… dass uns jemand zum Lachen gebracht hat
… unsere Meinung sagen zu können ohne Angst vor Verfolgung zu haben
… Möglichkeiten und Unterstützung uns zu entfalten
… Natur
…die Liste kann man endlos fortsetzen.

Das ist kein Aufruf dazu leichtsinnig sein Leben zu riskieren aber dazu, mehr und intensiver zu leben. Es geht darum den Augenblick zu erleben, ohne ihn sich durch übertrieben negative Gedanken zu zerstören. Verletzlich zu sein und dankbar, für das was man hat. Das ist nicht einfach. Ich arbeite auch jeden Tag daran. 😉 Aber es lohnt sich für die Momente im Leben, die man nie wieder vergisst und für die es sich zu leben lohnt.

 

Gedankenimpuls:

Wenn du intensiv leben willst dann…

… gehe Risiken ein

… zeige dich verletzlich

… sei dankbar für das, was du hast

… höre auf dir glückliche Momente mit Katastrophenszenarien zu ruinieren

 

 

 

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